Frühstück ans Bett

Noch 6 Stationen. Er riecht nicht so gut. Seine Schuhe sind verkrustet von Schlamm, vielleicht auch Kacke, seine Jacke ist viel zu dünn für -2 Grad. Neben ihm rollt ein Pappbecher durch den Gang. Bei jeder Anfahrt dreht er sich einmal nach links, bei jedem Halt einmal nach rechts, der Kaffee malt klebrige Kreise auf den Boden.

Noch 4 Stationen. Als Kissen hat er eine halbvolle Plastikflasche unter seinen Kopf geschoben und etwas Schweres zieht an meinem Herz. Ich weiß nicht, was passieren muss, damit einem die erbarmungslos beleuchtete Bank in der vollen U6 wie der beste Platz zum Schlafen vorkommt.

Ob er kein Zuhause hat oder keines, in das er gehen möchte. Ob er krank ist, ob er eine Familie hat oder wenigstens jemanden, der manchmal an ihn denkt. Alles, was ich weiß ist, dass er eine Wasserflasche als Kopfkissen benutzt und das rührt mich. Jemand, der sich so auf einem Ubahnsitz zusammenrollt, braucht eigentlich kein Kissen um besser schlafen zu können.

Noch 2 Stationen. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass sich ein Kopfkissen wie ein Stückchen heile Welt anfühlt? Wie kaputt kann alles sein, solange es ein Kopfkissen gibt? Wo ein Kopfkissen ist, da ist ein Bett, da ist ein Zuhause, da sind Menschen, da riecht es nach Waschmittel und da gibt es Hoffnung, dass vielleicht, vielleicht, vielleicht alles gut wird.

Oranienburger Tor, ich muss aussteigen. Ich wünschte, ich hätte ein Croissant dabei oder ein Käsebrot, irgendetwas, das ihn durch den Tag bringt. Alles, was ich habe, ist ein Bonbon, nimm2, Zitrone. Ich schiebe es trotzdem unter sein Kopfkissen. Als Betthupferl. Als kleinen Gruß aus einer heilen Welt, damit er wenigstens weiß, dass jemand an ihn gedacht hat.

 

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