Das Schulz Abschlussstatement im TV-Duell, reloaded.

Der vielleicht wichtigste Moment im TV-Duell: das Abschlussstatement der Kanzlerkandidaten. Sie haben eine Minute, um die Zuschauer mit ihrer Vision, ihren Worten zu überzeugen. Ich fand die Ausgangsidee von Schulz‘ Statement gut. Hätte aber anders weitergemacht. 10 Gedanken dazu.

ORIGINALVERSION

„Wie viel Zeit habe ich? – Eine Minute. 60 Sekunden für ein Schlusswort. In 60 Sekunden, meine Damen und Herren, verdient eine Krankenschwester weniger als 40 Cent. Und ein Manager in einem Großunternehmen mehr als 30 Euro. In 60 Sekunden kann ein verantwortungsloser Politiker mit einem Tweet die Welt an den Rand einer Krise führen. In der gleichen Zeit können junge Menschen sich vernetzen und Diktaturen zum Einsturz bringen.
Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Und in einer Zeit des Umbruchs ist das beste Mittel der Aufbruch und der Mut zum Aufbruch. Der Mut zum Aufbruch heißt: die Zukunft gestalten und nicht die Vergangenheit verwalten. Und die Zukunft gestalten können wir am besten mit unseren Freunden in Europa. Gerechtigkeit, Zusammenhalt, Sicherheit und Frieden in der Welt herstellen, das ist die Aufgabe, die die Bundesrepublik Deutschland als starkes Mitgliedsland der europäischen Union hat. Europa, das geleitet wird von dem Gedanken, die Demokratien zu stärken in einer Zeit, wo Putin, Erdogan, Trump, solche Leute, unsere Grundwerte in Frage stellen. Für diese Idee eines europäischen Deutschlands in einem starken Europa habe ich mein ganzes Leben gekämpft. Ich bitte um Vertrauen darum, dass ich als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland unser Land dienend für unser Volk und für Europa gestalten kann.“

  1. Authentizität: Schulz‘ Eingangsfrage nach seiner Redezeit sollte ein netter Kniff sein, um scheinbar spontan daran anzuknüpfen. Hat nicht funktioniert. Es wirkte aufgesetzt und unglaubwürdig und war vor allem: unnötig. Die Einleitung funktioniert auch ohne die „spontane“ Frage.
  2. Keine Experimente: Das ganze Statement wirkte, als hätte Schulz verschiedene Versionen oder Bausteine im Kopf, die er je nach Verlauf des Duells abrufen soll. Der arme Mann. In einer solchen Stresssituation reicht eine Version, mit der er sich komplett sicher fühlt.
  3. Nähe: Im Einstieg fände ich es besser, bei lebensnahen, konkreten Beispielen zu bleiben, vielleicht sogar mit aktuellem Bezug. (z.B.: geplante Geburten, Spahn, CDU angreifen und so …) Das ganz große Rad und die Europavision kann man immer noch drehen.
  4. Floskeln: „Zukunft gestalten und Vergangenheit verwalten“ … „In einer Zeit des Umbruchs ist das beste Mittel der Aufbruch.“ Das klingt so nichtssagend. Eine alte Regel beim Geschichtenschreiben besagt: Show, don’t  tell. In diesem Fall ist doch die Herausforderung, Aufbruch zu vermitteln, ohne Aufbruch zu sagen.
  5. Der Unterschied zur Kanzlerin: Merkels Taktik lautet auch in diesem Wahlkampf: „Sie kennen mich.“ Schulz muss sich klar abgrenzen. Seine Stärke ist der Mut zur Veränderung. Das sollte deutlich werden.
  6. Persönlichkeit: Schulz‘ Vorteil gegenüber Merkel: Die Leute finden ihn sympathischer, nahbarer. Sie glauben ihm seine Leidenschaft. Die sollte er zeigen und klare Worte finden.
  7. Zaubersätze: „Wir schaffen das.“ „Yes we can.“ „Make America great again.“ Das sind so Sätze, die hängen bleiben. Schulz braucht dringend einen eigenen Satz. Mein kleiner Vorschlag, um Merkel anzugreifen und sich abzugrenzen: „Lasst uns das ändern.“ Klingt: hemdsärmelig, anpackend, entschlossen. Klingt nach: „Sie haben mehr verdient als das.“
  8. Kampfgeist: „Ich bitte um Vertrauen darum, dass ich als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland unser Land dienend für unser Volk und für Europa gestalten kann.“ Das ist doch kein Satz! Zu unterwürfig, zu kompliziert. Sind da wieder Satzbausteine durcheinandergekommen? Schulz ist der Herausforderer. Er sollte vermitteln: „Ich will das. Und ich kann das.“
  9. Grammatik: „… Demokratien zu stärken in einer Zeit, wo …“ Wo ist denn da der Lokativ, würde der Lateiner fragen? Wenn man eine vorbereitete 60-Sekunden-Rede hält, könnte man auch auf die Kleinigkeiten achten.
  10. Flow Baby: Die These vom Anfang (in diesem Fall die 60 Sekunden) am Ende nochmal aufgreifen. Macht man das nicht mehr so? Es würde sich in diesem Fall wirklich anbieten.

GEGENVORSCHLAG

„Ich habe eine Minute – also 60 Sekunden – Zeit für mein Schlusswort. In 60 Sekunden meine Damen und Herren, verdient eine Krankenschwester weniger als 40 Cent und ein Manager in einem Großunternehmen mehr als 30 Euro. In 60 Sekunden kann man auf dem Smartphone ein Video der Tagesschau ansehen. Oder darauf warten, dass eine Internetseite überhaupt lädt. 60 Sekunden können darüber entscheiden, ob ein Baby lebt oder ob es stirbt, weil das nächste Krankenhaus zu weit entfernt ist. Vieles in diesem Land ist nicht gerecht. Lasst uns das ändern.
Ich habe mein ganzes Leben lang gekämpft. Für ein starkes Europa. Für ein europäisches Deutschland. Wir brauchen Zusammenhalt, Sicherheit und Frieden in der Welt. Das sind die Werte, an die ich glaube. Ich glaube an ein Europa, das alles dafür tut, seine Demokratien zu stärken. Gerade in einer Zeit, in der Leute wie Putin, Erdogan und Trump unsere Grundwerte in Frage stellen. Ich werde weiter kämpfen. Als Bundeskanzler werde ich für ein gerechteres Deutschland kämpfen, in dem jeder das werden kann, was er werden möchte. In dem Mütter und Väter nicht bestraft, sondern belohnt werden, wenn sie sich um ihre Kinder kümmern. Ein Land, in dem unsere Töchter dieselben Chancen haben wie unsere Söhne. Ich werde für ein Deutschland kämpfen, in dem niemand Angst vor der Zukunft haben muss. Ich möchte, dass in 60 Sekunden mehr Gerechtigkeit steckt. Deshalb: Lasst uns was ändern!“

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Eines zeigte der Schulz-Auftritt, übrigens ebenso wie der gesamte SPD-Wahlkampf überdeutlich: die dafür veranwortliche Agentur (oder Hubertus Heil?) ist soweit vom Volk entfernt wie Angela Merkel seit ihrem letzten BTW-Erfolg. Sie zeigen in ihrer hervorragenden Antwort auf, wie es sein müsste. All das, was die Strategen vermissen lassen, ist darin enthalten. Mit dem Thema „soziale Gerechtigkeit“ lässt sich im Wohlstandsland Deutschland keine Stimme derer gewinnen, die enttäuscht sind oder im unteren Mittelstand zu Hause sind. Trotzdem kann man damit punkten.

    „60 Sekunden? Nutzten Sie diese eine Minute am 24. September! Länger brauchen Sie nicht um Ihre Stimme der SPD zu geben. Damit verändern Sie unser Land hin zu mehr „sozialer Gerechtigkeit“. Höhere Löhne für untere Einkommensschichten, Gesetze, die Mieten in Großstädten bezahlbar machen und Finanzmittel, die den Digitalausbau schnell vorantreiben.

    Es muss sich was ändern in diesem Land. Das geht aber nur mit Ihnen. Sie können entscheiden, weiter so? Mit einer kraftlosen Antsinhaberin, die ja selbst sagte, sie musste sehr lange überlegen, ob Sie weitermachen will. Oder mit mir als neuen Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

    Wenn Sie Veränderungen wollen, haben Sie nur eine Alternative! Die SPD kann dies alles nur anpacken, wenn sie die stärkste Kraft im Parlament wird und den Bundeskanzler stellt. Ich bitte Sie deshalb um diese, ihre 60 Sekunden und Ihre Stimme, für eine starke Sozialdemokratie.“

    Es müssen nicht mal Sekunden sein, sondern etwas das hängen bleibt.

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