„Nach Höcke muss es doch auch der Letzte gemerkt haben!“ Als ob.

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Ich bin so müde. So müde. Immer wieder in den vergangenen Jahren habe ich gedacht: Jetzt muss es doch auch der Letzte gemerkt haben. Jetzt muss doch auch der letzte besorgte Bürger in diesem Land gemerkt haben, dass die AfD keine Alternative ist. 

Nach der Höcke-Rede ging ein Aufschrei durchs Internet. Zumindest durch mein Internet, das ich dank der perfekten Algorithmen an Tagen wie gestern sehe. Höcke hat eine Rede gehalten und sich so offen antisemitisch gezeigt, wie nie zuvor (in der Öffentlichkeit). „Wenn ein Geschichtslehrer vom „vollständigen Sieg“ spricht, dann lässt sich ahnen, woher er seine Inspiration bezieht. Das ist kein Zufall mehr“, schreibt Lobo in seiner Kolumne.

„Jetzt kann niemand mehr so tun, als habe er nichts gewusst.“ „Wacht endlich auf!“ So oder so ähnlich schallt es durch meine Echokammer. Auch ich habe die Kolumne von Sascha Lobo getwittert. Gestern war ich elektrisiert. Hatte diesen winzigen Funken Hoffnung, dass in Deutschland das ein oder andere patriotisch verklebte Auge aufklappen könnte.

Es ist 5.00  Uhr morgens. Ich sitze im Katzenschlafanzug am Küchentisch und kann nicht schlafen. Für mich ist der besorgte Bürger nicht irgendeine ungewaschene Gestalt in Sachsen. Er ist jemand, mit dem ich an Weihnachnachten unter einem Baum sitze. Seit zwei Jahren reden wir. Über die Unwählbarkeit der AfD. Über Flüchtlinge. Übers Helfen und über Moral. „Nicht reden ist für mich keine Option“, habe ich mal geschrieben. Ich glaubte daran. Ich habe geredet und Briefe geschrieben und meinen liberalen 80-Jährigen Vater vor die Kamera gesetzt, der uns erzählt hat, warum Flüchtlinge willkommen sind.

Gestern wurde ich plötzlich mutlos. Wieso nochmal habe ich für einen kurzen Moment geglaubt, diese unsägliche Rede könnte etwas ändern? Ich habe das durchgespielt. Das nächste Treffen mit meinem Verwandten. Und wisst ihr, was er sagen wird?

„Das hat der doch so nicht gemeint.“ „Lügenpresse.“ „Merkel ist das größere Problem.“ Eventuell wird er auch sagen: „Zugegeben, der hat da ein paar dumme Sätze gesagt. Aber da war auch viel Wahres dabei. Ich will auch wieder stolz auf mein Land sein.“ Vielleicht wird er auch sagen: „Ja, du hast recht: Höcke hat Mist erzählt. Die AfD wähle ich aber trotzdem. Ich kenne das Wahlprogramm und finde es gut.“ Was er nicht sagen wird und da bin ich mir sicher: „Diese Rede hat mir die Augen geöffnet. Die AfD ist gefährlicher, als ich dachte. Ich wähle keine Partei, die für Leute wie Höcke steht.“

Ich weiß, dass es viele da Draußen gibt, die reden und argumentieren und schreiben und berichten  und kämpfen und nicht eine Sekunde ans Aufgeben denken. Gibt es hier jemanden, irgendjemanden, der mir etwas Gutes erzählen kann?

Hallo Internet! Kann mir jemand von euch schreiben, dass die Rede für seinen AfD-nahen Onkel, seinen Bruder, seine Oma, seinen Arbeitskollege einen Unterschied gemacht hat? Was klingt wie eine rhetorische Frage ist  ernst gemeint. Schreibt mir, bitte. Ich bin so müde wie noch nie.

 

12 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo, dieser Beitrag drückt genau aus, was ich fühle. Ich habe seit 2013 mindestens einen extrem guten Freund an diese Ideologie verloren, und während ich weiter geredet hätte, will er nicht mehr reden. Ich kann dir die gewünschte Antwort nicht geben, und ich muss sagen, das ich nicht daran glaube, dass es Menschen gibt, die nie ans Aufgeben gedacht haben. Was ich glaube, sagen zu können, ist dies: Ja: Sie werden in den Bundestag kommen; Ja: Sie mischen uns ganz schön auf; Und ja: Sie sind keinen Vernunftargumenten zugänglich. – Aber sie sind nicht die Mehrheit, sie sind der bislang schweigende Bodensatz, den es in jeder Gesellschaft gibt. Vielleicht schaffen wir es eines Tages, nicht mehr von ihrer Aggressivität gelähmt zu sein, keine Angst mehr zu haben, ihnen mit festen, klaren Alternativen entgegenzutreten. Je weniger sie uns beeindrucken können, je weniger sie Angst, Zweifel, Müdigkeit säen können, desto weniger Kraft werden sie auf die Dauer haben. – Und natürlich gibt es da ja noch die Medien und ihren Umgang, aber darüber muss ich ja hier nichts sagen. Ich finde: Dadurch, dass du seit Jahren und Jahren redest, hast du viel erreicht. Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht mehr daran glaubte, dass nach der Höckerede sich auch nur einer von der AFD abwendet. Dafür hat er für die meisten immer noch zu verklausuliert geredet, hat er immer noch Dinge gesagt, an denen sie sich festhalten können. Mir macht das nur klar, dass ich nicht gegen diese Ideologie anreden kann, sondern nur sagen, was ich für Utopien und für Ideen für die Zukunft habe, wie ich mir ein gerechtes, demokratisches Land in Europa vorstelle, was ich stattdessen will, statt ihres Hasses.

    Schade, dass ich nicht mehr sagen kann, und viele haben das bestimmt auch schon gesagt. Es mag wie Hilflosigkeit klingen, soll es aber nicht. Ich wünsche dir viel Kraft.

  2. „Ich bin so müde. So müde.“
    Ooooch… Sie Aermste… ooooch… *köpfchenstreichel*

    „Auch ich habe die Kolumne von Sascha Lobo getwittert.“
    Ach wirklich??! Waren Sie also sooo beruehrt davon… ooooch…

    „Es ist 5.00  Uhr morgens. Ich sitze im Katzenschlafanzug am Küchentisch und kann nicht schlafen.“
    Ooooch… im Katzenschlawwanzoch… wie niedlich…

    „Schreibt mir, bitte. Ich bin so müde wie noch nie.“
    Oooch… Hoeren Sie doch bitte auf… Bitte bitte bitte… armes muedes Mödchen… so muede wie noch nie… muede und flehend im Katzenschlawwanzoch am Kuechentisch… die Traenen der Ruehrung fliessen dem Goenner in Stroemen…

    Doch was ist das?:
    Normalerweise lese ich ja keine Impressen, „Ueber mich“ usw. – wozu? Kenne ja die Leute eh nicht…
    Aber aus so einem Gefuehl heraus guckte ich dann doch mal und:
    „Seit Juni 2016 arbeite ich als Chefin vom Dienst bei Spiegel Online.“

    Wer haette das gedacht…
    Man kriegt doch wirklich ein Gefuehl fuer die Pappenheimer.

    FAKENEWS!

    … und etwas dicke aufgetragen, Püppchen im Katzenschlafanzug.

    Zahlen Sie Ihre „private Homepage“ eigentlich selbst oder geben Ihnen der Speigel samt zweitem Aufguss von Instant-Punk da einen Zuschuss…?
    …frag ja nur.

    • Die einzige konkrete Frage in dem Kommentar beantworte ich gerne. Mein Blog gibt es seit 2011. Bei Spiegel Online arbeite ich seit einem halben Jahr. Falls der Transfer schwer fällt: Natürlich zahle ich die Hosting-Gebühren seit 5 Jahren selbst. Viele Grüße, Ihre Carline Mohr

      • Na der Ihrige (mittlerweile Plural) Transfer muss der journalistische welche von heute sein und deshalb hinkt es auch mit den Artikeln in den „Qualitaetsmedien“.
        Vielleicht ist es Ihnen ja mittlerweile aufgefallen, ist aber auch nicht so wichtig wenn nicht.
        Und schon klar: Zum einen koennen Sie sich sicher die paar Kroeten fuer die HP selbst leisten und zum anderen ist es ja normalerweise so, dass der Poestchenjaeger zahlt.
        Wie auch immer.
        Sie sind jedenfalls mit Ihrer Katzennummer bei frischer Tat ertappt.
        Die Unschuld vom Lande spielend wollten Sie nur die Aufmerksamkeit auf den Lobo-Artikel ziehen, damit andere Katzenschlafanzugtraegerinnen, nachdem sie Ihre „Panik“ vernommen haben, zuerst das Getippse von Lobo lesen und, sofern sie das nicht einfach so uebernehmen, schoen vorbearbeitet und ebenfalls panisch den Vortrag von Hoecke anschauen.
        Bin ich ein AFD-Waehler? Nein. (obwohl, wenn ich an Merkel denke, muss ich mir das nochmal ueberlegen)
        Aber mir gefaellt der faule Zauber der Luegenpresse nicht und, wenn ich das noch ergaenzen darf, hoffe ich, dass es Speigel&Co. bald mal so aehnlich ergeht wie neulich der CNN mit Trump. Das war sehr spaßig. 🙂

        • Also, ich weiß nicht, ob das Ihr Misstrauen zerstreuen kann, aber tatsächlich ist es so: Der Lobo-Text war einer der erfolgreichsten Texte am Mittwoch bei spiegel.de. Das bedeutet: Mehrere hunderttausend haben ihn gelesen. Diesen Blog-Artikel dagegen haben bis jetzt 716 Menschen angeklickt. Ich habe Ihnen einen Screenshot von Google-Analytics angehängt. Selbst, wenn die ALLE auf den Lobo weitergeklickt haben sollten, ist das völlig irrelevant. Spiegel.de wird täglich von mehreren Million Menschen aufgerufen. Zahlen hier: http://meedia.de/2017/01/09/ivw-news-top-50-upday-premiere-mit-89-mio-visits-b-z-und-berliner-zeitung-gewinnen-30-hinzu/. Mein Blog von nicht mal tausend am Tag. Beim faulen Zauber liegen sie dieses Mal falsch. Mein Blog ist im Vergleich zu spiegel.de wie ein Zwerghamster vor einem Elefanten. Ich hoffe, Sie schauen sich die Zahlen mal an und lassen sich überzeugen. analytics

  3. Ich bemerke solche Züge auch an mir. Aufgeben, sich nicht mehr dem entgegenstellen wollen was da (teilweise) auf einen einprasselt, wenn man was dagegen sagt. Oft auch in Verbindung mit „Aber eig wollen die Populisten nichts anderes als (mediale) Aufmersamkeit durch Dikussionen/Retweets/Blogeinträge“. Aber dann ist da auch der Kern, der vor 3 Jahren in Schweden war im Rahmen eines Austauschsemesters. Natürlich wäre ich mit tendenziell rechter politischer Gesinnung nicht erst zum Studieren ins Ausland gefahren. Aber was ich damit eig sagen will. Ich kam zurück mit einem offeneren Weltbild und globalerer Denke. Und der Einstellung, dass die Herkunft keine Rolle spielt, ob ein Gedanke/Ansatz (auch politischer Natur) etwas taugt oder nicht. Ich für mich habe entschieden, dass ich die Welt in der ich gern lebe würde um mich herum mitgestalten muss und es nicht anderen überlassen darf wie das passiert. Egal ob durch Dikussionen, der Wahl oder anderen Aktivitäten ich bin Teil meiner Zukunft und die will ich mir von teils sehr engstirnigen Personen/Ansichten nicht kaputt machen lassen. Mir ist aber auch durchaus bewusst, dass ich hier nur für mich als durchschnittlich öffentliche Privatperson stehen kann (ohne eigenen Blog). Und ich kann mir vorstellen, dass es in der journalistischen Welt bzw. mit (politischem) Blog ganz anders aussehen kann.

    In diesem Sinne versuchen wir es alle um uns herum ein wenig besser zu machen, dann wäre doch den meisten geholfen 😉

    • Sie sind ja nur neidisch auf meinen neuen Tigerschlafanzug samt zugehoeriger Pantoffel.
      Olle Petze!

    • So lange ich mir Trolle immer so vorstelle wie in den Harry Potter-Filmen, geht’s eigentlich. Bei „Goenner“ klappt das erstaunlich gut.

  4. @Spiegelmöhrchen (eigentlich mag ich Sie ja…wenn Sie nur nicht beim ollen Spi… naja Sie wissen schon)
    Bedingt OT:
    Ich poste das mal hier hin, weil ich Ihr Hundetagebuch nicht disharmonisieren moechte, obwohl das kaum moeglich ist, weil ich an sich die Harmonie selbst bin.

    Sprech ich so bei mir waehrend ich das lese: Die schreibt vom Stil her fast so wie die „Spiegelmöhre“ – fehlt nur noch der Katzenschlafanzug… naja und das folgende ziiiiieht sich mehr – ist wirklich laaaaangatmig:
    https://www.dasmagazin.ch/2017/03/10/meine-verirrten-freunde/
    DAS wuerde mich nun wirklich mal interessieren, WAS IHNEN DAZU einfaellt!?
    Und lenken Sie Ihr Augenmerk bitte nicht nur auf die angeschnittenen „Verschwoerungstheorien“, das auch, aber auch auf das, was diese Paula Scheidt ueber sich selbst schreibt.
    Vielleicht moegen Sie ja mal einen Artikel dazu tippen? Hm?
    Vermissen Sie nicht auch mindestens zwei Worte (nicht Woerter) und ist im Text nicht ein ziemlicher Widerspruch?
    Gespannt wie ein Flitzebogen…

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