Sissi und Herr Waldemar –
Ein Dackel gegen die Demenz

Rio und John

Rio und John


In der Hundeschule am Berliner Südkreuz gibt es ein Bällebad für Welpen. Wenn man eine Weile einem Rudel tapsiger Hundebabys dabei zugesehen hat, wie sie im Bällebad herumpurzeln, vergisst man kurz, dass auf der Welt traurige Dinge geschehen.

Die Vorstellungsrunde in der Welpenstunde erinnert mich ein bisschen an Selbsthilfegruppe: „Wer seid ihr, wie heißt euer Hund und was mögt ihr besonders an ihm?“ Ich muss anfangen und erzähle, dass ich Carline bin, mein Hund Rio Aus-reiser heißt (und zwar aus Gründen) und dass ich es besonders mag, wenn sie unter dem Bild von John Lennon schläft.

Nach mir ist der alte Mann mit Schirmkappe an der Reihe. Der ist locker Ende 70. „Ick bin Herr Waldemar, dit is Sissi und am Liebsten mag ick an Sissi, datse sich mehr freut, wenn ick nach Hause komme, wie meine Frau.“

Alle lachen. Herr Waldemar lacht auch, Sissi wedelt mit dem Schwanz. Sissi ist seltsamer Dackelmix mit kurzen krummen Beinchen, riesigen Ohren und weit aufgerissenen Glubschaugen. Keine Ahnung, wie man da auf Sissi kommt.

An den nächsten beiden Wochenenden lernen wir, wie man den Hund heranruft und richtig belohnt, wie man ihm Sitz beibringt und mit ihm an der Leine läuft. Herr Waldemar kommt nicht so richtig mit. Er muss zwischendurch immer rauchen und dann schwerfällig an das andere Ende des Platzes laufen, um die Kippe in den Müll zu werfen. Er kann sich nicht gut bücken, seine Reaktionszeit ist langsam und manchmal versteht er nicht so richtig, was die Hundetrainerin gerade gesagt hat.

Als wir eine Sitzübung machen, springt Sissi immer wieder fröhlich mit ihren kurzen Beinchen an Herrn Waldemar hoch und wedelt wild mit dem Schwanz. Herr Waldemar bückt sich mühsam und gibt ihr ein Leckerchen.„Herr Waldemar“, sagt die Hundetrainerin vorwurfsvoll. „Du sollst den Hund doch nicht dafür belohnen, dass er nicht das macht, was du sagst!“ Herr Waldemar kratzt sich am Kopf.

„Aber wenn sie sich doch gerade nicht setzen möchte“, sagt er und tätschelt verständnisvoll Sissis Kopf. „Und es ist doch schön, wenn sie sich freut. Da freu ich mich auch.“

In der letzten Kursstunde stelle ich mich zu Herrn Waldemar und wir rauchen gemeinsam eine Zigarette. Ich frage, warum seine Frau nie mitgekommen ist. Herr Waldemar winkt ab. Seine Frau hat Demenz. An den meisten Tagen erkennt sie ihn nicht. Manchmal beschimpft sie ihn. Am Anfang hat er versucht, ihr vorzulesen. Musik vorzuspielen. Alte Filme zu gucken. Aber sie erinnert sich nicht. Am allerwenigsten an ihn.

Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin
mochte sie früher besonders gerne. Herr Waldemar fand die Filme immer fürchterlich. Trotzdem hat er sie jedes Jahr in der Weihnachtszeit mit seiner Frau geguckt.

Manchmal, erzählt Herr Waldemar, würde er ganz kurz unter einem Vorwand die Wohnung verlassen. Eine Zeitung kaufen, obwohl er gar keine lesen will. Oder Zigaretten besorgen, obwohl er noch welche hat. Denn wenn er zurückkommt, dann stürzt ihm Sissi entgegen und überschlägt sich vor Freude. Weil sie so froh ist, ihn zu sehen. Weil sie sich an ihn erinnert.

Ich puste nachdenklich meinen Zigarettenqualm in den Himmel. Sissi läuft auf uns zu. „Hey Sissi“, sage ich. „Mach mal Sitz!“ Sissi springt schwanzwedelnd an meinen Beinen hoch. „Feiner Hund“, sage ich und gebe ihr ein Leckerchen.

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  4. Wem hier keine Träne ins Auge steigt hat ein Herz aus Stein. Ich gehe los in den Gebraucht-DVD-Markt nebenan – vielleicht haben die ja Sissi da.

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