Wie ich den verdammten Hund im Grunewald verlor

DAS! IST! UNSRE! COUCH! Rio & Rio

DAS! IST! UNSRE! COUCH! Rio & Rio

Ich stehe im Grunewald und schreie. „Rio! Riiiioo!!! Riiiooollllleeeeiiinnn!“ Es ist Ostersamstag, früher Nachmittag, ich habe einen Kater und den verdammten Hund verloren.

Rio ist eine vier Monate alte Shibawelpin und sieht aus wie ein niedlicher Fuchs. Eigentlich heißt sie Betty, so hatte es sich der Züchter ausgedacht. Mit Betty verbinde ich vor allem „Bette Davis Eyes“. Der Hund hat aber Knopfaugen und schauspielert sehr schlecht. Das passt nicht. Rio Reiser hingegen war auch irgendwie ein Fuchs: ein bisschen scheu, ein bisschen trotzig und immer ganz fassungslos über diese Welt. So wie Hunderio, die eher bänglich und manchmal unerwartet zutraulich ist, schreckliche Angst vor Eierkartons hat und keinen Millimeter weitergeht, wenn sie gerade nicht will.

Keine Ahnung, wieso sie plötzlich abgehauen ist. Eigentlich hört sie sehr gut, der Teufelssee ist schön und ruhig und ich hatte die stinkende Käsewürfel in der Tasche, die der Hund so gerne mag. Wer jemals versucht hat, einen Hund zu erziehen, kennt das: Normale Leckerlis in der einen Tasche, „besondere Leckerlis“ in der anderen, Kacktütchen in der Dritten und eine undefinierbare Mischung aus allem in der Vierten.

Rio rennt über den Parkplatz und schlägt den Weg zum Teufelsberg ein. Der zweithöchste Berg Berlins. Weltkriegsschutt, eine alte Abhörstation der Amerikaner und eine fast unbefahrene Straße für Skaterkids. Der Hund rennt fröhlich bergauf. Genervt stolpere ich mit meinen schweren 90er-Jahre Dockers hinterher. Ich hasse den Teufelsberg. Rio biegt um die nächste Kurve. Mit lautem Getöse brettert ein Skater bergab. Als ich mich ebenfalls um die Kurve schleppe, ist der Hund spurlos verschwunden.

Drei Stunden später bin ich den Teufelsberg sieben Mal rauf und wieder runter gelaufen. Ich kenne jeden einzelnen Skater mit Vornamen. Ich habe mit dem Förster, der Polizei, der Tiersammelstelle und Tasso telefoniert. Tasso ist eine Datenbank für entlaufene Haustiere. Der Mann am Telefon ist sehr freundlich.

„Ihr Hund wird an die Stelle zurückkommen, an der er Sie verloren hat“, sagt er. „Das machen Hunde normalerweise so.“ Der Mann von Tasso hat natürlich vollkommen recht. Theoretisch. Bei den selbstständigen Shibas funktioniert das leider nicht. Das sollte ich aber erst viel später erfahren.

Es dämmert und ich kämpfe mich durch ein besonders dichtes Dickicht. An einem Baumstumpf bewegt sich etwas Flauschiges. „RIO!“ rufe ich begeistert und stürze auf den Baumstumpf zu. In einer kleinen Sandkuhle kuscheln sechs Wildschweinfrischlinge. Niedlich! Verzückt betrachte ich Schweinebabys. Hinter dem Baumstumpf erscheint ein borstiger Kopf. Eine Wildsau in der Größe meines Sofas starrt mich misstrauisch an und grunzt unfreundlich. „Waaaaahhhhhhhh!!!!!“ schreie ich und renne los. Ich stolpere, falle und rutsche zeternd den Waldhang hinunter. Später lese ich im Internet, dass man sich bei der Begegnung mit einem Wildschwein mit ruhigen Bewegungen und möglichst unauffällig entfernen soll, ohne das Wildschwein aus den Augen zu lassen.

Sechs Stunden später sitze ich immer noch auf dem Parkplatz und rauche die Notfallzigaretten aus dem Auto meiner Mutter. Sie schmecken wie schwelender Sondermüll. Es ist bereits dunkel, die Spaziergänger sind verschwunden. Ich marschiere ein letztes Mal an die Kurve.

„Riiioooo!! Du darfst heute bei mir im Bett schlafen, alle benutzen Taschentücher fressen und den Briefträger beißen!“ rufe ich. Prompt taucht auf dem Waldweg Rio auf.

Ich sinke auf den matschigen Boden und raschle mit der Leckerlitüte. „Riolein, du blöder Misthund, komm her. Sonst bastle ich dir eine Hundehütte aus stinkenden Eierkartons“, säusle ich mit zuckersüßer Stimme. Habe ich im Internet gelesen: Bloß nicht in einer anderen Tonlage sprechen als sonst. Rio legt den Kopf schief und überlegt. Dann verschwindet sie im Dickicht. Das Letzte, was ich sehe, ist ein langer buschiger Schweif.

Moment. Langer, buschiger Schweif?? Der Schwanz meines Hundes ist kringelig und kurzhaarig! Eventuell habe ich gerade versucht, einen Fuchs zu fangen. Ich will nach Hause. Hier gibt es Wildschweine und Füchse und bestimmt auch Bären und Zwerge und Hexen. Ich entwerfe ein Plakat: „Ich bin ein dummer, sturer Hund, bitte fangen Sie mich ein und bringen mich nach Hause. Egal wie. Betäubungsgewehr ist auch okay!“ Nach einem kurzen Besinnungsrotwein formuliere ich den Text nochmal um. Ich hänge das Plakat an jeden einzelnen Baum im Grunewald.

Vermisst!

Vermisst!

Tag drei. Ich bin weitere 130 Male den Teufelsberg hoch und runter gelaufen. Kein Rio. Ich bin verzweifelt. Die Sonne ist bereits untergegangen. Ein grauer Hund läuft einsam vor mir über den Weg. Ob der auch abgehauen ist? „Na Du Hübscher?“ sage ich. Der graue Hund ist ein Wildschweineber in Opel-Corsa-Größe und fletscht die Zähne. Im Internet lese ich später, dass Wildschweine permanente Knirscher sind, damit ihre Zähne stets rasiermesserscharf bleiben. Ich gehe unauffällig und mit ruhigen Bewegungen rückwärts, ohne das Schwein aus den Augen zu lassen. Als das Monster einen kleinen Schritt in meine Richtung macht, renne ich laut schreiend und mit wedelnden Armen zum Auto.

Am nächsten Tag ist Rio immer noch nicht da. Ich google: „Fressen Wildschweine Hunde?“. Dann suche ich: „Ab wann erfrieren Hunde, ab wann verhungern Hunde, ab wann verdursten Hunde, ab wann verwildern Hunde, können Hunde ertrinken und was kostet eine verdammte Helikopterstaffel, um einen Hund im Grunewald zu suchen?“

Wenn dieser Hund jemals wieder auftaucht, wird er die nächsten 14 Jahre in meiner Abstellkammer leben, bis er zu schwach zum Weglaufen ist. Das schwöre ich auf die Welpenfibel von Martin Rütter. Gegen Abend ruft eine Kellnerin aus dem Segelklub vom anderen Ende des Grunewalds an. Sie hat den Hund gefunden. „Liegt aufm Sofa und lässt sich den Bauch kraulen“, sagt sie. Sie hat die Suchanzeige auf der Facebook-Seite Entlaufene Hunde Berlin/Brandenburg gesehen.

Als ich Rio abhole, freut sie sich sehr. Sie ist einfach immer weiter durch den Wald gelaufen. Bis zum Segelclub. Da gab es genug Essensreste aus den Restaurants. Ausrangierte Boote unter denen man trocken und sicher schlafen kann. Rio ist weder verstört, noch verwildert, noch abgemagert. Ich glaube, sie hatte eine gute Zeit. Ich glaube, sie wäre niemals an die Kurve des Teufelsbergs zurückgekehrt. Vielleicht hätte sie eine Bande mit dem kleinen Fuchs und den Frischlingen gegründet. Vielleicht wäre sie für immer dort geblieben und hätte tagsüber den Seglern den Fisch vom Teller geklaut. „Hier lebt seit 2016 ein ganz besonders schöner, schlauer Fuchs“ hätten sie sich erzählt.

Vielleicht hätte ich sie doch einfach Betty nennen sollen, denke ich vor mich hin, während ich nach Hause fahre. Dann wäre das alles vielleicht nie passiert. Rio gähnt mich vom Beifahrersitz aus an. „Denk dir was besser aus“, scheint sie zu sagen. Ich nicke. Rio Aus-reiser vielleicht? Rio blinzelt. Findet sie gut, glaube ich.

33 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. shit, jetzt muss ich bestimmt immer an die Geschichte denken und kette meinen 2 jährigen Tieger Django uff jeden Fall an mich, wenn ich im Grunewald bin. Und die Wildschweine sind mir auch schon öfter begegnet. In meiner Phantasie bin ich jedoch immer wie ne Elfe auf ´n Baum geflogen mit Kind und Hund im Gepäck.
    Super geschrieben, Danke und zum Glück ist der Ausreißer wieder da ! LG

  2. Das war aufregend – ein bisschen – weil ich überzeugt war, dass Rio wieder zuhause ist. Geht der Hund jetzt für einige Zeit, mit Euch angeleint, spazieren? 🙂

    • Ich habe dem Hund eine schwere Bleikugel an den Schwanz gebunden. Der KANN gar nicht mehr laufen. (Kleiner Spaß. Das Zauberwort heißt: Schleppleine.)

  3. Herrlich… der Text ist so amüsant geschrieben… Musste die ganze Zeit lachen denn ich stellte mir die Begegnungen mit dem Wildschwein bzw. Fuchs so vor…
    Schön dass Riolein wieder wohlbehalten zu Hause ist… 😉
    LG Nicole

  4. Ich lach mich scheckig – „ruhige Bewegungen und möglichst unauffällig“ 😀

    Super geschrieben und super, dass Rio Aus-Reiser wieder da ist 🙂

  5. Ich musste mir erstmal die Lachfalten wieder gerade bügeln, bevor ich schreibe. Herrlich geschrieben und werde noch ewig drüber schmunzeln …..
    Bitte UNBEDINGT Nachricht senden, wenn das Rio- Buch geschrieben wurde !!!! Haben MUSS 🙂 !!!
    Liebe Grüße und auch ein Knuddeler an die Fellnase

  6. Dein Text ist sowas von genial!
    Ich bin ein paarmal fast vor lachen vom Sofa gefallen.

    Dem „Grauen Hund“ bin ich übrigens auch schon begegnet.
    Ich hielt den Eber für einen braunen Labbi.
    Bis ein Jogger mich netterweise auf meinen Fehler hinwies.

  7. Sehr schöne und aufregende Story hab das selbst mal mitgemacht entlaufenem Hund 4 Monate hinterher auf Schritt und tritt.Freut mich das Betty oder Rio wie auch immer wieder bei euch ist viel spass und glück noch mit eurem Schatz

  8. Herrlich geschrieben! Schön, dass Rio wohlbehalten wieder aufgetaucht ist. Ich kann mir die Begegnungen mit den Wildschweinen lebhaft vorstellen. Schreiend weglaufen hab ich noch nicht probiert. Ich saß mal mit zwei Hunden auf dem Arm 4 Stunden auf einem beschissenen Baum und frag mich heute noch, wie ich da hoch kam…

    Flauschige Grüße und viel Spaß noch mit dem Ausreißer

    Sandra & Shiva Wuschelmädchen

  9. Bin natürlich wahnsinnig froh, dass Rio wieder da ist. Diese Ohnmacht die man als Mensch durchlebt wenn das Hundi weg ist, ich würde sterben oder in der „Klapse“ landen.
    Dein Schreibstiel ist Weltklasse, so gut, dass ich das erst für einen Fake gehalten habe und gedacht, da will jemand nur eine lustige Geschichte aufschreiben.
    Du musst unbedingt Autorin werden oder bist du es schon !

  10. Sehr schön geschrieben – auch wenn es für dich ein schreckliches Erlebnis gewesen sein muss, hast du es geschafft, das alles witzig zu verpacken. Ich musste fast bei jedem Satz schmunzeln, weil ich auch einen Shiba habe (Hector, 5 Monate) – der weiß, wie man Frauchen auf die Palme bringt 😉

    Liebe Grüße aus München,
    Rathana

  11. Super geschrieben! Ich bin auch für ein Buch über Rio’s Eskapaden…
    Übrigens, bei der Begegnung mit einem Wildschwein ist auch wichtig zu wissen, dass sie sehr gut hören aber extrem schlecht sehen (also sofort den Finger in dem Mund und die Richtung des Windes damit prüfen…).
    Viel Glück und schöne Geschichte und ein Gruß an Rio!

  12. Hallo,
    ja sehr schöne geschrieben. Nur einen kleinen Tipp..Shibas kann man sehr sehr sehr selten ohne Leine laufen lassen. Dazu ist der Jagdtrieb zu groß. Wenn meine 2 abhanden kämen oharre würde irre werden…

  13. Super geschrieben und jeder Satz witzig und irgendwie geistreich formuliert… – habe mich fast „kaputt gelacht“…!!! 😀
    Danke für das Teilen mit der Öffentlichkeit… – und gerne mehr davon…! 🙂

    P.S. Einer Züchterfreundin ist übrigens vor nicht allzu langer Zeit ein Junghengst
    abgehauen und wurde (auch) erst nach zwei/drei Tagen wieder gesichtet und
    eingefangen… – es gibt also praktisch nichts, was es nicht gibt…!

    • @ Carline: … ups, bitte Beitrag oben folgendermassen moderieren:

      a) das Wort ‚irgendwie‘ bitte entfernen…
      b) Smilies wieder wegmachen… (hihihi)

      Danke und einen herzlichen Gruss

      Michèle

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  15. So genial geschrieben!!!!! Vielen Dank für diese tolle Geschichte! Hab sehr viel gelacht 🙂 ich glaube auch dass du und hundehaltern aus der Seele geschrieben hast! Du solltest wirklich mehr schreiben! Ich würde mir sofort alles kaufen!!! Liebe Grüße aus Rosenheim

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  17. Oh mein Gott! Wie man mitgefiebert hat. Ich wäre auch so gestorben. Hab jetzt fast ein bisschen Respekt dort ohne Leine spazieren zu gehen…Wildschweine etc. sind zu verlockende Beute. Aber Schleppleine ist wohl ne gute Lösung, obwohl die sich da auch gerne drin verheddern.

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  21. >Eventuell habe ich gerade versucht, einen Fuchs zu fangen.

    >Hi, na Du Hübscher?“ sage ich herzlich. Der graue Hund ist ein Wildschweineber

    Ich möchte ja niemandem zu nahe treten, aber vielleicht ist es an der Zeit für einen (neue) Brille.

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