Blogger machen den Journalismus kaputt!

Reden hilft

Huch. Was? Blogger machen den Journalismus kaputt? Das Jahr 2010 hat angerufen und möchte seine Diskussion zurück.

Jaja. Von mir aus bekommt 2010 seine Diskussion zurück. Vorher möchte ich aber über „Jugendportale“ sprechen. Obwohl, nein. Stimmt nicht. Ich möchte darüber sprechen, wie man im Netz momentan über Jugendportale spricht.

In den vergangenen Wochen hat gefühlt jeder Mensch im Internet mindestens einmal seine Meinung zu HimateBento, Zett oder BYou verkündet. Es hagelte Kritik: oberflächlich! Ihr erreicht die jungen Leute gar nicht! Ihr erreicht vielleicht junge Leute, seid aber anspruchslos und unambitioniert! Ihr könntet zwar die Rolle in einem Werbefilm für Frühstücksflocken übernehmen, aber Journalismus könnt ihr nicht!*** Ich gehöre zu den jungen Leuten und finde euch richtig scheiße! Ich bin alt und finde euch auch scheiße! Oh, ich möchte auch noch irgendwas sagen und alles scheiße finden, vielleicht bringt das ja Klicks auf meinen Blog!

Auf die Fresse

Puh. Könntet ihr mal bitte alle einen Schnaps trinken und wieder runterkommen? Wie oft mussten wir uns in den vergangenen Jahren anhören, dass der Journalismus in Deutschland nicht experimentierfreudig genug ist. Nicht digital genug. Dass niemand mehr brennt und sich verrückte Sachen traut. Dass wir in Deutschland keine Kultur des Scheiterns haben.

Und nun sitzen da junge digitale Leute, die brennen und sich trauen und Sachen ausprobieren wollen. Und die sich deshalb auf dieses Wagnis eingelassen haben. Die gesagt haben: Ja, wir versuchen das. Wir wissen nicht, wie es ausgeht. Könnte sein, dass wir tierisch auf die Nase fliegen. Aber wir versuchen es. Wir fangen einfach an und lernen on the flight.

Und dann kriegen diese Leute so dermaßen auf die Fresse. Konstruktive Kritik? Ja! Gerne! Bitte! Her damit! Philipp Steuer hat gezeigt, wie das geht. Finde ich gut. Ich finde es sogar nachvollziehbar, Verlage dafür anzugreifen, dass sie es immer noch für eine schlaue Idee halten, 10 Redakteure und null Entwickler in einen Raum zu setzen.

Mut & Experimente!

Was man meiner Meinung nicht darf: Boshaft, verletzend und dekonstruktiv die Inhalte von Bento, Zett, Himate oder BYou niederzuschreiben. Oder gar persönlich zu werden. Hinter diesen Inhalten sitzen Menschen. Mutige Menschen, wie ich finde. Menschen, die bereit sind, sich selbst und ihre Arbeit weiterzuentwickeln. Dafür brauchen sie aber neben der Freiheit der Gestaltung und den Erfolgen auf Leserseite auch den Respekt ihrer Kritiker.

Denn sonst passiert etwas sehr schlimmes. Sie werden unsicher. „Können wir das jetzt wirklich machen?“ „Vielleicht schreibe ich da meinen Namen lieber nicht drüber?“ „Ich finde die Idee ganz spannend, aber wenn es nicht klappt, zerreißen die uns wieder.“

Wenn das passiert, geht der Journalismus vielleicht wirklich kaputt. Von den vier neuen Portalen ist keines länger online als drei Monate. Natürlich machen die Fehler! Natürlich gibt es mal eine missverständliche Zeile, eine plumpe Quizzfrage oder eine wilde Themenmischung. So what? Bange machen gilt nicht! Die fangen doch gerade erst an.

Junge Portale statt Jugendportale! 

Seid konstruktiv. Seid respektvoll. Das brauchen die Leute hinter den neuen Marken. Wenn sie weiter so verhöhnt und angegriffen werden, verlieren sie vielleicht den Mut. Und das wäre dass Schlimmste, was passieren kann. Mut und Experimente gehören nämlich zu den Dingen, die wir für einen Journalismus von heute dringend brauchen. Nehmt ihnen bitte nicht den Mut!

Das Kernproblem solcher Portale liegt meiner Meinung nach übrigens an ganz anderen Stellen: mangelhaftem Umgang mit Daten, alten Vermarktungsstrukturen, Verlagsfesseln, mangelhaften AB-Testing, fehlender Systematisierung, der falschen Währung für Erfolg oder inhaltlich unsinnigen Zielgruppendefinitionen.

Oh, apropos Zielgruppen. „Jugendportal“ ist ein ganz schlimmes Wort. Ronny Kraak schreibt dazu: „Wir brauchen keine Jugendportale. Die Jugendliche haben sich ihr eigenes Internet gebaut.“ Und meine Mutter ist ein schönes Beispiel dafür, dass es beispielsweise nicht um das Alter der Leser geht. Es geht zunächst einmal darum, Menschen anzusprechen, die gerne im Internet sind und wissen, wo ein „Share“-Button ist.

WILLKOMMEN!

Das Gegenteil von Menschen wir meiner Mutter (ü50) sind Leute, die soziale Netzwerke nicht verstehen (wollen) und deshalb lieber nicht mitmachen. Für die „echter Journalismus“ im Print steht. Die was besseres zu tun haben, „als den ganzen Tag im Internet rumzuhängen“. Für mich sind das alte Leute. Im Kopf alt. Im Herzen alt. In der Haltung alt. Vielleicht müsste man statt „Jugendportal“ einfach „junge Portale“ sagen? Oder: junger Journalismus. Für alle, die Bock drauf haben. Für alle, die auch mal eine Liste anklicken können, ohne sich danach schmutzig zu fühlen und ihr FAS-Abo auf Lebenszeit verlängern. 

Ich finde, es ist an der Zeit, dass mal jemand WILLKOMMEN sagt. Danke BYou für dieses Quizz, dem ich einfach nicht widerstehen konnte und für den herzlichen Willkommensgruß für Flüchtlinge. Danke Zett, dass ihr eure Eltern mit ins Internet nehmen wollt und Danke für dieses Video, das mich fast zu Tränen gerührt hat. Danke Bento für die offenen Worte zu Alltagsrassismus und für den Nostalgieflash bei dieser StudiVZ-Geschichte. Danke Himtate für den Brief an das nüchterne Ich, über den ich sehr gelacht habe und die Tipps, wie man Nazis umgehen sollte.

tl:dr:


*** 
Der Satz mit den Frühstücksflocken stammt aus keinem Blogbeitrag, sondern aus der Titelgeschichte der Journalistin Juliane Wiedermeier für die Wochenzeitung Der Freitag. In dem Artikel findet sie den neuen Online-Journalismus in Deutschland nicht so gut. Außer buzzfeed. Da scheint alles ganz in Ordnung zu sein. Achso. Für buzzfeed arbeitet sie ja auch.

6 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Jung mögen die Portale ja sein, die Menschen dahinter engagiert, aber nachdem ich jetzt alle angeklickt habe, bin ich etwas enttäuscht.
    Die sind beinahe ident. Boulevard im Internet, große Bilder fette Titel, reißerisch und nichts weiter. Das sieht so aus wie die Praline aus den 70er und 80ern nur damals mussten sie das noch drucken.

    Also gut gemeintes Feedback: Probiert was Neues.

  2. Cool geschrieben! Und ich habe mich auch schon gefragt: Komisch, dass „die“ da jetzt alle vorturnen, aber mal gucken. Experimentieren lassen und annehmen. Einiges fand ich gleich richtig gut. Anderes: genau, mal abwarten. Aber erst mal gut, dass was passiert. Danke für den zusammen fassenden Blickwinkel!

  3. „Mut und Experimente gehören nämlich zu den Dingen, die wir für einen Journalismus von heute dringend brauchen.“
    Sorry, aber ich halte es weder für mutig, noch finde ich es experimentell, wenn Springer, Spiegel und Zeit quasi synchron mit konkurrierenden Buzzfeed-Klonen daherkommen. Da guckt der eine, was die andere macht, um sich nachher im Falle eines Scheiterns nichts vorwerfen lassen zu können.

  4. „Wie oft mussten wir uns in den vergangenen Jahren anhören, dass der Journalismus in Deutschland nicht experimentierfreudig genug ist. Nicht digital genug.“
    Das Hauptproblem ist, dass – „in den vergangenen Jahren“ genauso wie gerade jetzt – wie besessen immer nur auf die Branchen-Inzucht gehört und geschielt wird. Aber um keinen Preis aufs Publikum.

    • Das stimmt nicht immer und nicht überall. Grundsätzlich müssten sich aber auch Verlage bei „neuem Journalismus“ vom Klickzählen lösen. Das ist keine Währung der Zukunft, finde ich.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.