Über meinen Vater. Schiffbruch mit der Zinkbadewanne, 1952.

Thomas Zander, geboren, 1937, KfZ-Meister. „Segelt nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Arsch!“

Der kleine Tommi

Der kleine Tommi

Zu den Lieblingsgeschichten meines Vaters gehört der Schiffbruch mit der Zinkbadewanne.

Damals in den ersten Nachkriegsjahren war Kindern und Jugendlichen wie meinem Vater alles erlaubt. Die Erwachsenen kämpften um die Zukunft, das Land, das Glück. Die Kinder spielten eben in den Trümmern und mussten das Beste draus machen. Das Wort „Hobby“ gab es nicht. Geld auch nicht. Die Nachkriegseltern machten ihren Kindern die Tür auf und hofften, dass sie heil wieder kamen.

Im Jahr 1952 war mein Vater 15 Jahre alt. Oft stand er am Wannsee und bestaunte die Schiffe. Die eleganten Segler, die kippeligen Jollen, die behäbigen Yachten. Unerreichbar für den dürren Jungen in den schäbigen Klamotten. Segeln wollte er trotzdem. Unbedingt.

Die Gespenster des Krieges

Die Mutter meines Vaters, Marianne, bekam von den Sehnsüchten ihres Sohnes wenig mit. Sie hatte ihre eigenen Sorgen und die Gespenster des Krieges im Kopf.

In Ostpreußen konnte man 1944 in klaren Sommernächten schon die Front am Himmel leuchten sehen. Wenn der Wind richtig stand, konnte man sie sogar hören, die Bomben, das Feuer.

Der Vater meines Vaters, Horst Zander, war für das „Strafbatallion 999“ zwangsrekrutiert worden. Er war aktiver Nazigegner, gehörte zum Kreis von Oberst Friedrich Olbricht, der am Hitler-Attentat am 20. Juli 1944 beteiligt war. Das Strafbatallion 999 war ein Himmelfahrtskommando. Die „Wehrunwürdigen“ (vor allem Widerständler und Vorbestrafte) wurden in aussichtslose Kämpfe geschickt. Niemand rechnete mit Horsts Rückkehr. Marianne musste alleine entscheiden. Kurz vor Kriegsende kam sie mit ihren zwei Kindern in einem Lazarettzug nach Berlin.

Mein Vater kämpfte sich so durch seine Kriegskindheit. Mal hatte er mehr, mal weniger Glück. Er lernte schnell, dass er für seine Träume alleine verantwortlich war. Das war nicht weiter schlimm, er kannte es nicht anders.

Und so fassten sein bester Freund Karl und er einen kühnen Plan: Aus der Waschküche eines zerbombten Hauses klauten sie eine große Zinkbadewanne. „Und mit der wollten wir in See stechen!“, erzählt mein Vater und strahlt.

Ein Traum aus Zink

Mein Vater, 1953

Mein Vater, 1953

Monatelang hatten die Jungs ein Projekt: Sie sägten einen Mast aus altem Holz, bauten eine Ruderanlage, zwei Seitenschwerter und eine Pinne. Karls Mutter nähte aus alten Gardinen ein Segel. Den ganzen Winter standen die Jungs bei bitterlicher Kälte in einer Garage,  tüftelten und bauten. Im späten Frühjahr war es soweit: Sie zogen die Wanne mit einem umgebauten Holzwagen durch den Grunewald bis ans „Große Fenster“ an der Havel.

Wo seine Mutter an diesem Tag war, weiß mein Vater nicht mehr. Ob sie an ihn glaubte, stolz auf ihn war oder sich sorgte, lässt sich nicht genau sagen. In ihrem Leben herrschte Dunkelheit.

Als sie im August 1944 mit meinem Vater und seiner kleinen Schwester am Bahnhof Zoo ankam, gerieten sie in einen schweren Bombenangriff. Die wenigen Koffer, die sie aus Ostpreußen mitgenommen hatten, gingen in Flammen auf. Es folgten Hunger, Luftschutzbunker, Angst. Vergewaltigungen durch Soldaten der russischen Armee im Mai 1945. Ein Dreivierteljahr in Gefangenschaft 1946, weil sie Silber von amerikanischen Soldaten geklaut hatte. Wieder Hunger. Depression. Dunkelheit. Ein 15-Jähriger, der mit einer Zinkbadewanne in See stechen wollte? Warum nicht. Die wahnwitzigen Pläne ihres Jungen erreichten kaum noch ihre Wirklichkeit.

Dann das Wunder am Wannsee: Die Badewanne schwimmt! Stabil hält sie sich auf dem Wasser, das Plan der Jungs geht auf. Sie dürfen nur nicht wackeln, nicht das empfindliche Gleichgewicht stören, nicht die Nerven verlieren. Sie segeln ihr „Boot“ mit viel Gefühl.

Der Wind bläst leicht, die Wanne gleitet kontrolliert durch die Wellen. Die Boote der Reichen, der Glücklichen sind plötzlich ganz nah. „Wir waren die Könige der Welt“, erzählt mein Vater. Ein unbeschreibliches Gefühl: Stolz. Freiheit. Triumph.

Er lacht. „Und ich werde nie vergessen, wie Karl plötzlich ganz trocken zu mir sagt: ‚Tommi, wir gehen gleich unter‘. Was die beiden vergessen hatten: Den Stöpsel der Wanne anständig festzukleben. Es war nur ein leises „Plopp“. Und eine gewaltige Wirkung: In wenigen Minuten läuft die Wanne voll und geht unter. Die Jungs müssen zurück an Land schwimmen. Die monatelange Arbeit, der große Traum – am Grund des Wannsees. Weil sie diese eine winzige Kleinigkeit nicht bedacht hatten.

„Unglaublich, der Tommi!“

Warum das zu den Lieblingsgeschichten meines Vaters gehört? Vielleicht, weil er in dieser Zeit gelernt hat, dass das Wichtigste die Träume sind. Die kleinen und die großen, die einen darin hindern, aufzugeben. „Ich dachte damals: Wenn man es schaffen kann, eine Zinkbadewanne zum Segeln zu bringen, dann kann man alles schaffen“.

Der große Tomm

Der große Tommi

Jahrzehnte später ist mein Vater Mitglied und Bootbesitzer im Altehrwürdigen „VSaW – Verein Seglerhaus am Wannsee“.

Er ist der Außenseiter, weil er nur ein einfacher KfZ-Mechaniker ist. Doch er gewinnt alles, was es zu gewinnen gibt. Gutmütig und ungläubig hauen ihm die langjährigen Segler in den feinen Klamotten auf die Schulter. „Unglaublich, der Tommi“, sagen sie. „Wie der das macht. Aber der segelt halt nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Arsch.“

6 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Eine schöne Geschichte, die mich an meine eigene Jugend erinnert: Am Rande des Dorfes gab es eine riesige offene Müllkippe, wie es sie so viele damals in den 60ern noch gab. Wir durchsuchten sie nach brauchbarem, für uns wertvollem. Und fanden eine Badewanne. Die wollten wir auf dem stinkenden Tümpel am Rande der Kippe ausprobieren. Kaum hatten wir sie an den Rand geschoben und einen Fuß reingesetzt, da gluckerte die Brühe in die Wanne und unser Traum erlitt Schlagseite.

    • Also, so langsam aber sicher, kriege ich Lust, mir meine Gummistsifel anzuziehen und mich auf die Suche nach einer freilaufenden Badewanne zu machen. Solltest du eine sehen, sag mir Bescheid. Ich besorge Stöpsel!

  2. Liebe Frau Mohr , es ist mal wieder an der Zeit zu bloggen . Ich lese sie sehr gerne .
    Ich habe auch zwei Zinkbadewannen !
    Für einen neuen Post bringe ich auch eine nach Berlin !
    Mit Stöpsel , selbstverfreilich ….

  3. Hallo Carline,

    ich finde es schön, dass Dir Deine Eltern (oder vielleicht nur Dein Vater?) über ihre Kriegsjahre erzählt haben. Ein solcher Austausch bringt Erfahrungen, Gedankenanstöße und auch Nähe. Leider hatte ich dieses Glück bei meinen Eltern nicht.

    „Das Wichtigste sind die Träume“. Wie recht Dein Vater hatte. Als ein Mensch, der seit zwanzig Jahren unterhalb der Armutsgrenze lebt, weiß ich – vor allem auch gefühlsmäßig -, was Dein Vater damit gemeint hat.

    Besten Gruß
    Gerhard

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