Der Parkreiniger und das kleine Glück

 

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Montagmorgen, 7.30 Uhr.

Mit dem Glück ist das ja so eine Sache. Man darf es auf keinen Fall erzwingen. Es schert sich nicht um Perfektion oder Pläne. Es kommt, wann es will und ist verschwunden, kaum dass man es bemerkt. Menschen veranstalten die verrücktesten Dinge, um ein kleines Stückchen Glück abzubekommen. So wie ich. Ich gehe heute Joggen. Montagmorgen um halb Acht!!

Im Radio hat nämlich gerade jemand gesagt, es sei ideal für die Fettverbrennung, wenn man VOR dem Frühstück joggen geht. Der Fitnessmensch klingt hochmotiviert, Schlagworte wie „Power“, „Schwung“ und „Glückhormone“ krabbeln aus dem Radio direkt in mein Bett und hüpfen begeistert auf meiner Schlafbrille auf und ab. Na gut. Dann gehe ich jetzt laufen und bin fit und schlank um neun auf der Arbeit.

Etwa zehn Minuten später: Ich kann nicht mehr. Wirklich nicht. Was für eine blöde Idee! Ich hole mir im Café am Park einen Cappuccino und hocke mich auf eine Bank. Dann schlurfe ich mit Milchschaumbart Richtung nach Hause. Meine Glückshormone sind noch etwas brummelig. Aber ich hatte Kaffee. Immerhin.

Ich habe die Schlüssel verloren

Ich stehe vor der Haustür. Ich könnte ausrasten!!! Ich habe meine Haustürschlüssel verloren. Seufzend trabe ich zurück und drehe noch eine Runde um den Park. Keine Schlüssel. Ich dränge einem sehr alten Parkreiniger mit sehr wenigen Zähnen meine Handynummer auf. Er möge sich doch melden, falls er meine Schlüssel findet. Dann fahre ich mit dem Rad von Neukölln nach Charlottenburg, bei meinem Vater liegen Ersatzschlüssel. (9,3 Kilometer). Ich sage auf der Arbeit Bescheid, dass ich etwas später komme.

Ich habe die Ersatzschlüssel und fahre mit dem Rad von Charlottenburg zurück nach Neukölln. Immer noch 9,3 Kilometer. Es ist 9.45 Uhr. Meine Glückshormone liegen erschöpft in einer kümmerlichen Restpfütze Blutzucker. Ich dusche und fahre mit dem Rad von Neukölln nach Mitte ins Büro. 4,9 Kilometer. Ich kaufe gerade in der Cafeteria ein kindskopfgroßes Schokoladencroissant, als mein Handy klingelt. Der Parkreiniger. Er hat meine Schlüssel gefunden.

Ich frage, ob wir uns für den nächsten Tag im Park verabreden könnten. Schweigen. „Nää, dit jeht nicht“, sagt er. „Ick bin morgen wech. Weit wech. Vielleicht komme ick nie wieder.“ „Aha“, sage ich. Würden Sie die Schlüssel vielleicht für mich in das Café legen? Dann kann ich sie später abholen“. Schweigen. „Nää, dit jeht auf keenen Fall“, sagt der Parkreiniger. „Ick kann nich so jut mit Cafés und Menschen und so. Sie müssten jetzte kommen. Ick bin noch 20 Minuten da.“ Es ist 10.32 Uhr. Auf dem Weg zum Rad begegne ich meinem Chef. Er zieht die Augenbrauen hoch. „Auch schon da?“, fragt er mittelherzlich. Ich schüttle den Kopf und drücke ihm mein Croissant in die Hand. Dann fahre ich so schnell ich kann von Mitte nach Neukölln. Immer noch 4,9 Kilometer.

Ich sehe Sterne und schlage eine  Deal vor

Als ich am Park ankomme, zittern meine Beine. Ich sehe ich Sterne. Und den Parkreiniger. Er sitzt mit einem kleinen Frühstück im Café! „Alter!“, pöble ich los. „Was soll denn das?!“ Er grinst ein sehr herzliches, zahnloses Parkreinigergrinsen. „Ick wollte Sie soo jerne wiedersehen“ sagt er und klimpert mit meinen Schlüsseln.

Ich sinke neben ihm an den Tisch und stopfe mir ein Stück von seiner Käseschrippe in den Mund. „Okay“, sage ich. „Folgender Deal: Ich esse Dein Frühstück. Du siehst dabei zu.“ Es ist kurz vor Elf. Ich futtere sogar das welke Salatblatt und den kreideartigen Kaffeekeks. „Und?“, frage ich streng und schiebe dem Parkreiniger den leeren Teller zurück, „bist du jetzt zufrieden?!“

Der Parkreinger nennt sich „Fritte“ und bestellt eine Runde Korn für uns . „Aber sicher“, sagt er. „Ick hap schlecht jeschlafen, hatte Streit mit meener Frau und hinten im Park ist ein Müllcontainer umjekippt. Und jetzt sitzen wir hier im Café in der Sonne. Dit is doch Glück pur!“

Glückshormone und Schnaps

Ich muss lachen. So einfach ist dit. Es ist viertel nach elf. Ich frage Fritte, worüber er mit seiner Frau gestritten hat, drücke meinen Chef am Telefon weg, exe den Schnaps und übernehme die Rechnung. Meine Glückshormone rappeln sich langsam hoch und halten ihre Näschen in die Sonne. Ich bin ziemlich zufrieden. So ungefähr muss sich der Fitnessmensch fühlen, wenn er morgens um halb Acht joggen geht.

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Und da heisst es immer ,schöne Frauen würden Probleme bei Männern haben ..
    Gewinne einer Shitoption immer etwas gutes ab !

  2. 23,4km auf dem Rad plus 10min Joggen – guter Morgensport. Ist Schrippe ein Berliner Slangausdruck? Kannte ich bisher nur aus den Büchern von Andreas Steinhövel. Ich muss unbedingt nach Berlin – unsere Schokocroissants hier sind viel kleiner, dafür ist das Bier besser. Wären sie etwas älter würden sie Adam West als Batman kennen – 100 Schlaumeiersprüche, unter anderem – „Gehe nie ohne Zweitschlüssel aus dem Haus!“ Andererseits wären wir sonst alle um eine gute Story ärmer.

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