Das Märchen von Betti und Tobi
– zur Hochzeit

betti

Heute soll es um Prinzessinnen gehen. Es soll darum gehen, warum in unseren modernen und emanzipierten Zeiten so viele junge Frauen „alles hinschmeißen und Prinzessin werden“ wollen. Es soll darum gehen, warum es den wenigsten gelingt. Was macht ein Mädchen zu einer Prinzessin? Hier ein paar Antworten. 

Wahre Prinzessinnen machen Männer zu Helden

Eine wahre Prinzessin zieht Menschen in ihren Bann. Ohne dass sie sich besonders dafür anstrengen muss. Mit einem einzigen Augenaufschlag liegen ihr ganze Königreiche zu Füßen. Wenn sie nur lächelt, bekommen die tapfersten Kämpfer des Landes weiche Knie. Eine wahre Prinzessin schafft es, dass Männer sich in ihrer Nähe wie Helden fühlen. Dass sie Drachen bezwingen und die Weltmeere durchschwimmen – nur um die Prinzessin glücklich zu machen.

Eines grauen Tages zog Betti um. Viele Kisten. Viele Schuhe. Plastiktüten, unfassbar viele Plastiktüten. Die Wohnung: ganz oben. Also: GANZ oben! Kein Aufzug. Natürlich nicht. Und so haben wir Kiste für Kiste und Tüte für Tüte unzählige Stufen nach oben getragen. Das war okay, wir sind ihre Freundinnen. Freundinnen machen so was. Aber da war auch dieser junge Mann, den Betti gerade erst kennen gelernt hatte. Sie kannten sich noch nicht gut. Er hätte Nein sagen können. Aber Tobi schleppte mit. Kiste für Kiste, Tüte für Tüte, Schuh für Schuh.

Warum Betti eigentlich keine Umzugshelfer organisiert habe, fragte jemand. Und Betti strahlt ihren verschwitzen, etwas übellaunigen Tobi von unten an und sagt: „Weil ich doch so einen starken Mann habe.“ Augenaufschlag. Lächeln. Tobi hat so getan, als sei er jetzt noch viel übellauniger. Dann hat er alles auf seine Schultern geladen, was noch im Laster lag. Und ist geradezu leichtfüßig die Treppen hoch gestiegen. Wie ein richtiger Held. Der Antrieb in seinem Rücken: nur ihr Lächeln.

Wahre Prinzessinnen können nie verbergen, dass sie Prinzessinnen sind

Eine wahre Prinzessin hat eine Anmut im Wesen, die niemandem entgeht. Sie ist von einer solchen Grazie, dass auch das lumpigste Kleid, der ungünstigste Umstand ihre wahre Eleganz nicht verbergen kann. Bei Aschenputtel waren es die Linsen, die Asche und die Tauben. Bei uns waren es eben das Netzer & Overath und billiger Weißwein.

Egal, wohin wir gingen, Betti fiel auf. Weil sie sich eben nicht bewegt und verhält, wie es andere Mädchen tun. Weil sie nicht taumelt und stolpert und lallt und schwitzt. Weil Betti auch nach vier Stunden in der größten Raucherkneipe noch ein bisschen nach Waschmittel  riecht. Weil sie auch nach dem drölftzehnten Gin Tonic kerzengerade und wie von unsichtbaren Fäden nach oben gezogen durch den Raum schwebt. Wenn Betti tanzt, ist der verklebte Kneipenboden glänzendes Parkett. Wenn Betti sich auf Zehenspitzen um sich selbst dreht, sind die billigen Barlichter prächtige Kronleuchter.

Eines späten Abends in München, ein siffiger Klub. Betti tanzt. Und Tobi lehnt an der Bar und schaut sie an. Ja, vielleicht hat er in ihren Ausschnitt geguckt. Auf ihre Beine. Auf ihre wiegenden Hüften. Es war ein langer Blick. Auf die Idee, Betti mit einem typischen Tobi-Spruch anzubaggern ist er nicht gekommen. Er hat ihr keinen Drink ausgegeben oder versucht, sie in sein Bett zu quatschen. Vielleicht, weil man wahre Prinzessinnen so nicht anspricht. Vielleicht weil die, die es trotzdem tun, keine wahren Prinzen sind.

Foto: Anette Göttlicher

Foto: Anette Göttlicher

Um wahre Prinzessinnen muss man kämpfen

Um wahre Prinzessinnen muss man kämpfen. Man muss, wie Super Mario, zwölf Level bestehen. Oder man muss, wie der Prinz von Dornröschen, gewaltige Dornhecken überwinden. Man muss die wahre Prinzessin lange suchen – so, wie es der Prinz von Aschenputtel getan hat. Und man darf niemals aufhören daran zu glauben, dass sie einen küsst, so wie der Froschkönig. (Auch, wenn sie einen schlussendlich gegen die Wand wirft.) Wahre Prinzessinnen brauchen große Gesten. Sie brauchen große Gefühle und romantische Kämpfer.

Es gab mal eine Situation, in der Tobi sich nicht ganz so geschickt angestellt hat. Er war nicht sicher, ob und wie er es wieder gut machen kann. Es endete mit einem nagelneuen Sofa in Bettis Hof, mit roten Rosen und Tobi in seinem besten Hemd. Es endete mit dem Satz: „Ich möchte dir für immer dabei zusehen, wie du auf diesem Sofa vor dem Fernseher einschläfst.“

Es passierte ein weiteres Mal, dass Tobi sich nicht ganz so geschickt anstellte. Es gab Tränen und Schreierei und Oktoberfest war auch noch. Es endete mit einem Lebkuchenherz, etwa so groß wie Tobi selbst. (Zugegeben: er ist ja relativ klein.) Auf dem Lebkuchen steht: „Das größte Herzl für die größte Liebe der Welt“.

Dann gab es da noch Tobis alte Wohnung, ein riesiges Loft. Lässig, männlich, kühl. Er war sehr stolz auf diese Wohnung, irgendwo am Rande Münchens. Er hat das Loft und seine coole Männerattidüde klaglos eingetauscht. Gegen eine verwinkelte Wohnung in Haidhausen. Mit einem lilafarbenen Schlafzimmer, einer wackligen Garderobe und einem Bücherregal voll kitschiger Frauenliteratur. Tobi war wieder der Held. Weil er diesmal nicht nur ihre, sondern auch seine Kartons geschleppt hat.

Dann kam der Heiratsantrag. An Bettis 30. Geburtstag. Über den Dächern New Yorks. Mit Champagner und einem schwarzen Spitzenkleid. Betti hat genau den Antrag bekommen, den sie sich immer gewünscht hat. Von genau dem Mann, den sie sich immer gewünscht hat. Von dem Mann, der verstanden hat, wie man eine wahre Prinzessin richtig anspricht.

Wahre Prinzessinnen brauchen ein bisschen Hilfe

So ganz alleine haben die Prinzessinnen ihre Prinzen nämlich nicht gefunden. Schneewittchen lag schon im Sarg! Nur, weil der dann beim Transport versehentlich zu Boden fiel und das giftige Apfelstück aus  ihrem Hals rutsche, konnte sie ihren Prinzen heiraten. Oder Aschenputtel, die versehentlich ihren Schuh verlor. Oder die hitzige Prinzessin des Froschkönigs, die ihren Prinzen einem cholerischen Anfall verdankt. Bei vielen Prinzessinnen war viel Glück oder ein wohl geneigtes Schicksal im Spiel. Immer aber: Der Glaube an das Gute und an die eine große Liebe.

Betti hat sich ihrem Tobi ungefähr viermal vorgestellt. Weil sie ihn immer wieder sofort vergessen hatte. Und Tobi? Der guckte nur. Der Gedanke, dass sie vielleicht zueinander passen könnten, kam den beiden nicht. Wer hätte ahnen können, wie diese Geschichte ausgeht? Wer hätte gedacht, dass sie zu einem Märchen wird? Ich nicht. Eigentlich habe ich mir nichts besonderes dabei gedacht, als ich Betti erzählte, dass Tobi total auf sie steht. Ich habe nicht lange überlegt, als ichTobi versicherte, dass Betti ihn richtig gut findet. Ich habe nicht gelogen. Ich habe ein bisschen nachgeholfen. So sind sie nämlich aufeinander aufmerksam geworden. Haben sich mit anderen Augen gesehen.

Manchmal braucht ein Märchen eben einen kleinen Zufall, einen kleinen Trick, ein bisschen Glück.

Doch das Wichtigste, das eine Prinzessin wirklich ausmacht, damals wie heute,
das, was eine wahre Prinzessin erst zu einer wahren Prinzessin macht,
das ist natürlich: Der richtige Prinz.

Alles Gute, Betti & Tobi!

(Fotos: göttlicher fotografieren)

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Tobi scheint der total unterwürfige Beta-Mann zu sein. Schleppt Kisten und kauft ihr ein Sofa zur Versöhnung. Pfff…. armer Typ.

  2. Frau Mohr ihre Rolle in dieser Geschichte visualisiere ich eher als die der Fee – kitschige etwas zu kleine Krone oder Tiara, überlanger silberner Glitzerzauberstab und natürlich ein monströses, voluminöses, augenwehrosanes Plüschkleid. Flügel je nach Geschmack.

    Es widerstrebt mir, Frauen diesen manupilativen Touch anzuhängen. Das mag verkehrt sein, schlußendlich geht es ums Glücklichsein. Glück ist in weiten Teilen subjektiv – wen kümmert es ob man dafür Kisten tragen oder einen romantischen Antrag macht? Auf der fortschreitenden Zeitachse muß das Konstrukt tragfähig sein und ein jeder muß für sich bewerten, ob die Beziehung den persönlichen Einsatz wert ist. Ein Glück für jeden, der etwas zum einsetzen hat.

  3. Disney sei Dank: jedesmal wenn jemand meine 5jährige Stieftochter Prinzessin nennt:
    „Ich bin keine Prinzessin, ich bin eine Königin. Weil, Prinzessinen sind nur hübsch und können gar nix bestimmen. Aber Königinnen können alles entscheiden und sie haben Superpowers!“

    • Warten sie mal ab bis die 10 Jahre erreicht. Bei mir hieß es neulich: „Wieso Prinzessin? Ich werde Scharfschütze bei der Bundeswehr und gehe danach zur Polizei.“
      Bis meine Kinnlade wieder oben war war der Sonntagskuchen alle.

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