Die große Freiheit
mit Mietmini Volker

Volker und ich

Volker und ich

Wir leben in großartigen Zeiten. Meine Generation ist mit dem Umstand gesegnet, sich nicht entscheiden zu müssen. Egal ob Jobs, Liebe oder Standort – wir können erst mal machen, was wir wollen. Natürlich behaupten altkluge Trendpessimisten, das sei ein Umstand, der uns verflucht, nicht segnet. Das sehe ich nicht so.

Ich muss mich nicht mal für ein Auto entscheiden. Heutzutage gibt es Carsharing-Apps, die mir zeigen, wo in der Nähe ein freies Auto steht. Ich kann mich reinsetzen, losfahren und es für den Nächsten einfach wieder abstellen. Fast wie bei One-Night-Stands. Und wenn man etwas kaputt macht, haut man einfach wieder ab. Großartige Zeiten!

Ich klicke in meiner App bei dem Mini um die Ecke auf „Fahrzeug buchen“. Die App teilt mir mit, dass der Mini „Volker“ heißt. Ich überlege kurz, ihn wieder zu stornieren, finde das dann aber albern. Ich muss ja nicht mit ihm schlafen.

„Ich habe Volker kaputt gemacht!“

Volker wartet auf mich und lässt sich brav öffnen. Wie es mit der Sauberkeit des Fahrzeuges bestellt wäre, fragt mich der Bildschirm. Ich sehe mich um. Auf der Rückbank liegt ein 12-endiges Hirschgeweih. Im Fußraum eine halbvolle Flasche Jägermeister. Ich klicke bei Fahrzeugzustand auf „geht so“.

Einträchtig fahren Volker und ich auf die Sonnenallee. An der nächsten roten Ampel geht Volker aus. Ich drücke den Startknopf. Volker geht irgendwie noch mehr aus. Mist, Mist. Ob ich die Buchung beenden will? Natürlich nicht! Ich stehe mitten auf der Kreuzung. Ich drücke nochmal auf den Knopf. Volker geht wieder an. Es ist immer noch rot. Volker geht wieder aus. Habe ich ihn kaputt gemacht?!? Ich drücke auf „Hotline anrufen“.  Es tutet. „Schönen Guten Abend, mein Name ist Heiko Schatz, wie kann Ihnen helfen?“ Ich lehne mich Richtung Lautsprecher und schreie: „HILFE!! Ich habe Volker kaputt gemacht!! Und ich stehe mit Münchner Kennzeichen mitten auf der Sonnenallee in Neukölln! Hier sind schon Leute für weniger erschossen worden!!!“

Blöder Klugscheißer

Heiko Schatz lacht. „Lachen Sie?“, frage ich empört. „Nein, natürlich nicht“, sagt Heiko Schatz und räuspert sich. „Frau Mohr, kennen sie eigentlich das Start-Stop-System? Um Kraftstoff zu sparen, geht der Motor beim Halten aus und springt automatisch wieder an, wenn Sie die Kupplung treten.“ Blöder Klugscheißer. Ich schweige. „Gibt es serienmäßig seit 2011“ setzt Heiko Schatz nach.

Mein Peugeot, den ich bis vor kurzem gefahren bin, war Baujahr 1991. „Und wie ist das mit dem Hirschgeweih auf der Rückbank? Ist das auch serienmäßig?“ frage ich streng. Angriff ist die beste Verteidigung. „Hhm“, murmelt Heiko Schatz. „Das ist wirklich das absurdeste, was seit der Karl-Marx-Büste auf einer Rückbank gefunden wurde.“

Den Rest schaffen Volker und ich ohne größere Zwischenfälle. Ordnungsgemäß beende ich die Buchung. Eigentlich schade, dass Volker wahrscheinlich nicht mehr da ist, wenn ich wieder komme. Nicht, dass jemand den Jägermeister verschüttet. Oder einfach das Geweih mitnimmt! Ich glaube, ich möchte nicht, dass fremde Leute mit Volker fahren. Ich verriegle den Wagen und marschiere, ohne mich umzudrehen davon.

Das 24-Stunden-Paket

Dann fällt mir auf, dass ich meine Handtasche auf dem Beifahrersitz vergessen habe. Dummerweise wurde Volker bereits wieder reserviert und ich kann ihn nicht mehr öffnen. Ich rufe Heiko Schatz an. „Ja, das war ich“, sagt der fröhlich. „Ich habe gerade Feierabend und wollte mir das Hirschgeweih ansehen“. Ich hocke mich auf den Bürgersteig und warte.

Keine zehn Minuten später biegt ein blonder Mann mit breitem Grinsen und noch breiteren Schultern um die Ecke. Heiko Schatz. Er öffnet Volker, reicht mir die Handtasche und bewundert das Geweih. Dann setzte er sich neben mich auf den Bürgersteig. „Das Schlimme mit unserer Sharing-Gesellschaft ist, dass niemand mehr Verantwortung übernimmt“, sagt er und trinkt einen Schluck Jägermeister. „Man repariert die Dinge nicht mehr, sondern haut einfach ab“. „Hhhm“, sagte ich.

Dann buchen wir Volker für weitere drei Stunden, kaufen noch eine Flasche Jägermeister und schaffen es, die ganze Nacht nichts kaputt zu machen.

Foto: Anja Bleyl

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Carline
    Nachdem ich in sehr kurzer Zeit diesen Blog, sagen wir mal, komlett inhaliert habe, bin ich zu der Erkenntnis gelangt, das du entschieden zu wenig schreibst! Also hier, meine ich. Für mein weiteres Wohlbefinden schlüge ich eine Postingfrequenz deinerseits so etwa alle 48 Stunden bis maximal drei Tage vor, da ich sonst von gräßlichen gesundheitlichen Folgeschäden wie akuter Langeweile bis hin zu schwerer Depression heimgesucht werde! Mit herzlichem Gruß aus Kiel neue Geschichten ersehnend,
    J. E.

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