Der Traum fährt mit

Alt und sperrig

Alt und sperrig.

(Kolumne zuerst erschienen bei AutoBILD)

Lisbeth (89) streicht kokett über ihre Bluse, reicht mir ihren Gehstock und tritt das Gaspedal durch. „Jetzt geht’s los!“, sagt sie und strahlt. Der Mietwagen macht einen verstörten Hüpfer und säuft ab. „Ähem“, sage ich. „Sie müssten den ersten Gang einlegen, nicht den sechsten. Wie lange sind Sie nicht mehr gefahren?“

Die alte Lisbeth zuckt die Schultern. „Höchstens 20 Jahre. Vielleicht 25. Ich schaff das schon.“ Sie legt den dritten Gang ein und tritt auf die Bremse. Vielleicht hätte ich doch dieses einmalige Schutzpaket buchen sollen, das Drive Now mir vorgeschlagen hat. Lisbeth ist meine Nachbarin und zieht am Wochenende in ein betreutes Wohnheim. Ob ich ihr helfen könnte, den Wagen ihres verstorbenen Mannes Walter zu verkaufen? Sicher. Die Garage liegt etwas außerhalb, deshalb habe ich ein Auto gemietet. Und Lisbeth will fahren.

Loslassen ist schwieriger als laufen lassen

Wir schaffen es irgendwie aus der Parklücke, die alte Lisbeth fährt jetzt einfach durchgehend im zweiten Gang. In sanften Schlangenlinien eiern wir durch das Wohnviertel. Was Walter denn für ein Auto hatte, will ich wissen. „Ach, ein ganz altes“, sagt Lisbeth und winkt ab. „Alt und sperrig.“ Aber Walter habe sich immer so schlecht von Dingen trennen können. Ich nicke. Das geht mir ja genau so. Egal, ob es um Autos, Dinge oder Menschen geht. Loslassen ist schwieriger als laufen lassen.

Lisbeth lächelt vor sich hin. „Bevor Walter den Schlaganfall hatte, hat er immer geplant, irgendwann einen richtigen Roadtrip mit mir zu machen“, erzählt sie. „Nur wir beide, weit weg, ein richtiges Abenteuer.“ Ihre blauen Augen verlieren kurz an Klarheit. Prompt fährt sie in eine besonders ausgeprägte Schlangenlinie und rammt einen geparkten BMW. „Oh“, sagt sie. „War da eine Bodenwelle?“  „Hmja“, sage ich und will in den Seitenspiegel schauen. Er ist weg. Klebt wahrscheinlich dem BMW im Kotflügel.

Lisbeth nestelt nach einem Taschentuch und macht an der nächsten grünen Ampel eine Vollbremsung. „Bis Amerika wollte Walter mit mir fahren“, sagt sie. „Er hat bis zum Ende nicht eine einzige Sekunde aufgehört, davon zu träumen.“

Träume und Ballkleider

Eine Weile rumpeln wir schweigend über Kopfsteinpflasterstraßen. „Wissen Sie, Kindchen“, sagt Lisbeth, „vielleicht wäre es gut, wenn SIE Walters Auto nehmen würden. Als Dankeschön, dass Sie mir immer geholfen haben.“ Ich protestiere. Von dem Geld könnten wir eine neue Brille kaufen. Oder einen Schaukelstuhl. Oder einen Rückspiegel. „Kommt nicht in Frage“, sage ich.

Ob Lisbeth Angst hat? Vor dem Seniorenheim, dem Abschied, dem Ende? Sie lächelt. „Wenn man alt ist, geht es vor allem um die kleinen Dinge. Um Alltag.” Elegant überfährt sie ein Stoppschild. „Mit den Träumen“ fährt sie fort, „ist es wie mit meinen alten Ballkleidern. Mir stehen sie nicht mehr. Aber statt sie wegzuschmeißen, gebe ich sie lieber einer jungen Frau, die mal in ihnen tanzen geht.“ Sie lächelt. „Das hellblaue Kleid mit dem schwingenden Rock, das müsste Ihnen hervorragend stehen. Ich habe es aufgehoben.“

Bis Amerika …

„Sie haben Ihr Ziel erreicht“, meldet das Navi. Lisbeth fährt schwungvoll Richtung Parkbucht. Und kracht schwungvoll gegen die Laterne. „Oh“, sagt sie, „Ich glaube, da war…“ „EINE LATERNE, Lisbeth!“, schreie ich. Der linke Scheinwerfer zerbröselt vorwurfsvoll zu Staub. Lisbeth drückt mir die Garagenschlüssel in die Hand. „Er gehört dir“, ruft sie mir nach. Vielleicht schaffst du es ja bis Amerika!“

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