Familienausflug ins Spaßbad

 

(Diese Kolumne ist erschienen bei Caramia genau hier.)

Zwischen Atomalarm, behinderten Dinosauriern und XXL- Damenbinden

Ein Auto bedeutet ja auch irgendwie Freiheit. Man kann ganz viele Sachen reinpacken und dann irgendwo hin fahren, wo man mit der Bahn vielleicht nicht so gut hingekommen wäre. Schon gar nicht mit den ganzen Sachen. Mit dem Auto ist alles viel unkomplizierter und man kann einen richtig schönen Familienausflug machen. Dachte ich.

Um dem grauen Berlin für ein paar Stunden zu entfliehen, habe ich die Giulietta einer Freundin geliehen und wir fahren ins Spaßbad. Meine „Sachen“ sind mein 4-jähriger Neffe Niki, mein 76-jähriger Vater und ein roter Dinosaurier namens „Kokosnuss“. Der ist bereits aufgeblasen und hockt neben Niki auf dem Rücksitz. Natürlich sehe ich beim Ausparken im Rückspiegel nur rot. Mein Vater wedelt energisch mit der Hand und ruft „Losloslos Carlinchen, da ist noch massig Platz!“ Das Geräusch, als ich mit dem Heck gegen die Blumenkästen setze, ist ziemlich hässlich.

Anschnallen ist unmännlich

Ich zähle innerlich bis zehn und überschlage meinen Kontostand, der Dinosaurier im Rückspiegel grinst hämisch. Als ich auf die Hauptstraße biege, fängt das Auto an, infernalisch zu piepen. „Schnallst du dich bitte an, Papa“, sage ich. Mein Vater schnaubt. „Lächerlich“, schimpft er. Er lasse sich doch nicht von einem „Mädchenauto“ vorschreiben, was er zu tun habe, früher seien sie nie unter zwei  Promille gefahren, unangeschnallt und freihändig, da sei ja auch nie was passiert. „Ich will mich auch nicht anschnallen!!“ kräht Niki von hinten und zerrt an seinem Gurt. Das Piepen überschlägt sich wütend im oberen Frequenzbereich. So stelle ich mir Atomalarm Stufe drei vor.

Ich male in leuchtenden Farben das Leben eines querschnittsgelähmten Pflegefalls aus, beim Stichwort „Erwachsenen-Windel“ gibt mein Vater endlich nach. Niki verkündet mit der kompromisslosen Hysterie eines Kleinkindes, dass er sich nur anschnallt, wenn wir „Kokosnuss“ auch anschnallen.

Ich halte an und versuche, den dämlichen Dino in die Gurte zu quetschen. Er platzt erstaunlich schnell. „Das hast du jetzt davon“, sagt mein Vater schadenfroh, „jetzt ist Dino ein behinderter Pflegefall“. Niki fängt an zu heulen, Atomalarm Stufe 7.

An der nächsten Tankstelle will ich ein neues Schwimmtier kaufen, es gibt nur Giraffen. Niki findet Giraffen doof und fragt den Tankwart schniefend, ob er zufällig auch Erwachsenenwindeln da hätte. Ich kaufe dem Kind ein Eis und eine Maxipackung Damenbinden. Dann fahren wir weiter.

Die SPASS-Waschstraße

Vater spielt ein bisschen an den Knöpfen des Alfa, Niki bedeckt sorgfältig jeden Millimeter der Rückbank mit einer Mischung aus Schokoeis und Kinderspucke. „Warum ist mir denn so warm am Po?!?“ quäkt er plötzlich. Ich bin alarmiert. „Hast du etwa in die Hose…?“, frage ich und versuche ruhig zu bleiben. Hat er nicht. Vater hat nur die Sitzheizung angestellt. Vergnügt erzählt mein alter Herr von seiner Mutter, die immer ein bestimmtes Lied gesungen hat, wenn er Pipi machen sollte. „Wollt ihr hören?“ fragt er. „Nein“ sage ich. „Stripp, strapp, stroll“, schmettert mein Vater, „ist der Eimer noch nicht voll? Stripp, strapp …“ Ich seufze. Niki kriegt einen Kicher-Anfall und macht in die Hose.

Ich fahre auf den nächsten Rastplatz, wickle Niki in sämtliche Handtücher und setzte ihn mit den Überresten von „Kokosnuss“ auf eine Bank. Niki klebt dem Dino eine Damenbinde unter den Schwanz. Vater drücke ich eine Thermoskanne Kaffee die Hand. „So“ sage ich. „Ich google jetzt nach der nächsten geöffneten Waschstraße…“ „Ist das denn auch eine SPASS-Waschstraße?!“, unterbricht mich Niki besorgt. Mein Vater grinst. „Ich will nichts mehr hören“, knurre ich und vertiefe mich in mein Smartphone. „Sonst lasse ich euch für immer hier sitzen, echt jetzt!“

Ein junges Paar schlendert Richtung Rasthof, die Frau ist schwanger und nickt uns freundlich zu. „Weißt du“, sagt sie mit warmer Stimme zu ihrem Mann, „bald machen wir auch so schöne Familienausflüge.“

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