Eine Fahrt ins Blaue

(Diese Kolumne ist im Original erschienen bei www.caramia.de, genau hier.)

Manchmal bekomme ich beim Autofahren Herzklopfen. Wenn vor mir nur Himmel und Ferne sind und die untergehende Sonne dieses schräge Licht auf den Asphalt wirft. Wenn im Radio Van Morrison läuft, der Wind durch das geöffnete Fenster rauscht, wenn es nach Sommer und Freiheit riecht. Dann kommt dieses Gefühl: Dass alles möglich ist.

Das Beste an diesem Sommer: Ich fahre nicht über die A9, sondern auf dem Malecón, der kilometerlangen Uferpromenade am Rande Havannas, Kuba. Und ich sitze nicht in meinem winzigen Peugeot 106, sondern in einem feuerroten Packard Baujahr 1952. In Kuba gibt es sie noch, die „Straßenkreuzer“. Diese majestätischen Chevrolets, Cheyennes, Cadillacs und Dodges, alle erbaut vor der Revolution 1959. Diese Schiffe, die durch die Straßen schaukeln, als gehöre ihnen die Welt.

Rum im Erste-Hilfe-Kasten

Der Fahrer Conrado ist deutlich älter als sein Auto, er plaudert gegen den Straßenlärm an, erzählt von Kampf und Helden. Ich verstehe nur die Hälfte. Mein Spanisch ist so löcherig wie der Boden des Packard. Direkt an meinen Füßen ist ein faustgroßes Loch, durch das ich die Straße sehen kann. Die Sitze werden mühsam mit ein paar Gürteln und Seilen an ihrem Platz gehalten, der Seitenspiegel ist mit einem Suppenlöffel befestigt und im Handschuhfach liegt eine Flasche Rum. „Mein Erste-Hilfe-Kasten“, sagt Conrado und lacht.

Wellen spritzen hoch über den Malecón bis auf die Straße, in der Ferne mischen sich Meer und Himmel zu einem verschwenderischen Blau. Wir verlassen die Stadt, die Palmen werden grüner und größer, die Straßen staubiger. Vor uns: Weite. Und da ist es wieder, dieses Gefühl. Dass mir alle Wege offen stehen.

Kaputt geht nicht

Conrado erklärt mir seine Armaturen. Das meiste sind Provisorien. Da, wo es früher mal einen „Lighter“ gab, bewahrt er sein Wechselgeld auf. Den Blinkerhebel hat er mit einem Weinkorken ersetzt. Conrados typische Antwort auf die Frage, wie dieses und jenes funktioniert: „Ach, da habe ich was gebastelt“. Auf Kuba hat fast jeder das Know-how eines Kfz-Mechanikers. Kaputt gibt es nicht. Kaputt geht nämlich nicht. Ersatzteile sind seit Jahrzehnten aufgebraucht. Die Regel ist einfach: Wenn etwas kaputt ist, muss es irgendwie repariert werden. „Da kann man was fürs Leben lernen“, sagt Conrado und zündet eine Zigarette an.

Wir fahren schneller, die Farben vor dem Fenster verschwimmen, es gibt nur noch Straße, Himmel, Wind. Conrados Augen leuchten. Manchmal sieht das Leben durch die Frontscheibe eines Autos am Schönsten aus. Weil man sich für ein paar Minuten vorstellen darf, alles Kaputte einfach hinter sich zu lassen. Sich nie mehr umzudrehen.

Conrado biegt mit extra viel Schwung um die nächste Kurve und direkt vor uns liegt das Meer.

Herzklopfen.

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