Schweinkram an Silvester

„Wenn ich mit den Schuhen laufen kann, kann ich mit den Schuhen auch fahren!“ behaupte ich und gebe extra viel Gas. Der Motor heult, von den Reifen spritzt Schlamm. Das Auto bewegt sich keinen Millimeter. Wir sitzen fest. Im Graben. Im Nirgendwo in Brandenburg. Es ist Silvester kurz vor halb elf, bis zur Party sind es noch gute 20 Kilometer. Tom meint, dass ich wegen meiner Plateau-High-Heels nicht schnell genug auf die Bremse treten konnte und deshalb aus der Kurve in den Graben geschlittert sei.

Das ist natürlich Quatsch. Ich könnte mit meinen Schuhen auch Slacklinen, Schuhplattlern oder den Pax de deux tanzen. Tom glaubt mir nicht. Er ist gereizt. Tom liebt nämlich Silvester und hatte sich dieses Jahr das volle Programm gewünscht. Jetzt hat er schlechte Laune. „Wenn du mit den Schuhen so toll laufen kannst“, knurrt er, „kannst du ja mal Richtung Berlin wandern, bis du Handyempfang hast“.

Ein wildes Glücksschweinchen

Doch ich habe längst andere Pläne: Ich werde hier und heute in der apokalyptischen Ödnis Brandenburgs mit Tom im Opel das schönste Silvester aller Zeiten feiern. Ohne nervige Menschen und schlechte Musik und matschige Nudelsalate. Abenteuer-Silvester!

„Schau doch mal Tommilein“ säusle ich. „Wie schön romantisch wir es hier haben. Nur wir und die Natur und die schönen Sterne und …“ Es rumpelt am Kofferraum. Tom zieht die Augenbrauen hoch. Es schabt an der Fahrertür. „Bestimmt ein guter Neujahrs-Geist“ hoffe ich und öffne das Fenster. Ein stinkendes Wildschwein in der Größe eines Haflingers starrt mich mit blutunterlaufenen Augen an und fletscht die Zähne. Ich mache das Fenster wieder zu. „Ein Glücksschweinchen!“ flöte ich fröhlich. „Nur für dich, mein Schatz!“ Hoffentlich schaut Tom nicht aus dem Fenster.

Wir haben eine Flasche Prosecco dabei. Vielleicht sollten wir die erstmal trinken, um in Stimmung zu kommen. Ich zerre am Korken. Das Wildschwein nagt schmatzend an der Stoßstange und Tom versucht mit einem Straßenatlas zu rekonstruieren, wo wir ungefähr sind. „PLOPP!“ macht der Sekt. Und: „PFFFFTTTTT!“ Der Korken trifft Tom genau ins Auge. „Verdammt Carline!“ motzt er und öffnet die Beifahrertür, um dem sprudelnden Sektstrahl zu entfliehen. Das Wildschwein stürzt begeistert in seine Richtung. „Waaaahhhhh!!“ schreit Tom und knallt die Tür wieder zu. „Ist halt ein großes Glücksschweinchen“ sage ich kleinlaut.

„Ich schlafe auf dem Sofa! Bis 2018!!“

Aus der Ferne sehen wir Scheinwerfer auf uns zukommen. Genauer gesagt: Ich sehe sie. Tom hat noch Prosecco im Auge. Leider funktioniert unser Licht nicht mehr. Hat wahrscheinlich das Wildschwein gefressen. Irgendwie müssen wir auf uns aufmerksam machen. Entschlossen krame ich nach der roten Glitzerrakete und meinem Feuerzeug. „Carline, ich schwöre dir, wenn du uns mit deinem Supermarkt-Feuerwerk in die Luft jagst, schlafe ich auf dem Sofa. Bis 2018!!“ Toms Laune ist irgendwie nicht besser geworden.

Ich kurble das Fenster ein Stück runter und bringe die Rakete in Position. Die fremden Scheinwerfer sind schon ganz nah. Es knallt und funkt und sprüht, als die Rakete strahlend über der schwarzen Landstraße explodiert. Das habe ich gut gemacht. Die Schweinwerfer kommen zum Stehen. Dann knallt es zurück. Einmal, zweimal. Unser Außenspiegel zersplittert. Das Wildschwein rennt verwirrt in den Wald. „WIESO SCHIESSEN DIE DENN AUF UNS!?!“ brüllt Tom. Er war schon immer leicht aus der Ruhe zu bringen. „Wir sollten die weiße Fahne hissen“, schlage ich vor. „Gib mir mal dein Hemd.“ Mit nacktem Oberkörper kauert Tom sich im Fußraum zusammen und beobachtet fassungslos, wie ich freundlich mit seinem Hemd aus dem Fenster winke.

Als die in Leder gehüllten Jungs vom Motorradclub „Hells Bells“ endlich bei unserem Auto ankommen, schubst Tom mich ihnen entgegen. „Nehmt sie“, ruft er. „Ihr könntet sie verkaufen. Oder als Selbstzerstörungswaffe einsetzen!“ Nachdem die Rocker ihre Waffen weg gesteckt haben, sind sie eigentlich sehr nett. Tom darf sein Hemd wieder anziehen und sie holen mit vereinten Kräften den Opel aus dem Graben. Sie schenken uns sogar eine Glühbirne für den kaputten Scheinwerfer. Vor lauter Dankbarkeit fülle ich eine lebenslange Mitgliedschaft bei den „Hells Bells“ aus.

Es ist halb zwölf. „Wenn ihr euch beeilt, schafft ihr es noch auf die Party“, sagt einer der Hell-Bells-Typen. Er trägt ein Totenkopf-Tuch und eine schusssicherer Weste. „Allerdings“ fügt er hinzu und mustert mich gutmütig von oben bis unten: „Mit den Schuhen solltest du lieber nicht fahren.“

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  1. Wäre ich ein Auto und ich wäre in ihrem Besitz würde ich mich an der nächsten Tankstelle am Benzinschlauch aufhängen. Oder mein Karma verfluchen. Oder um Beistand beim Gott der Radmuttern beten. Oder alle drei in umgekehrter alphabetischer Reihenfolge.

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