Driving Home For Christmas

Driving Home For Christmas

Driving Home For Christmas

„Na KLAR, passt der da rein!“ ruft Opa Erwin und öffnet den Kofferraum. Die Tanne ist etwa so hoch wie der Kölner Dom. „Erwin“, sage ich gereizt. „Dir ist schon aufgefallen, dass wir mit Mamas Belingo hier sind und nicht mit dem Coca-Cola Truck vom Weihnachtsmann?!“


Eigentlich sollte ich Opa Erwin nur schnell zur Kirche fahren. Dort will er eine Kette aufhängen. Wir wundern uns nicht allzu sehr. Erwin ist etwas sonderlich, seit sein Lottchen im vergangenen Jahr gestorben ist. „Wahrscheinlich meint er, dass er einen Rosenkranz beten will“, mutmaßt meine Mutter. „Und wenn ihr schon mal unterwegs seid, könntet ihr doch schnell einen Weihnachtsbaum besorgen. Und einen richtig guten Champagner.“ Mutter sagt das ohne Fragezeichen.

Erwin kämpft mit dem Baum. Ein Ast reißt an Mamas guten Lammfellsitzbezügen, die sie vergangenes Jahr von Tante Irmtraud geschenkt bekommen hat. Harz pappt an den Sitzen, Rinde schrappt über die Armaturen, Nadeln fallen in jede noch so kleine Spalte. Der Autohimmel macht leise „Puff“ als die Baumspitze ihn der Länge nach aufschlitzt. Ich sehe vor meinem inneren Auge, wie mein Name in der Erbfolge auf Platz 74 fällt.

Vollmondwasser und Champagner

Endlich ist der Baum drin. Genauer gesagt: Ein Drittel ist drin. Der Rest hängt in meterlanger Weihnachtlichkeit aus dem Kofferraum.  „So“, sagt Erwin zufrieden. „Jetzt binden wir den Kofferraum einfach zu. Gibst du mal deinen Gürtel?“ Schweigend ziehe ich meinen Wildledergürtel mit der antiken Silberschnalle aus der Hose. „Oh, und wir sollten den Baum mit einem roten Lappen markieren. Könnte ich auch deinen Pullover haben?“ Ich schlucke und reiche Erwin den „Lappen“. Mein einziger Cashmere-Pulli.

Das Handy klingelt. Ob wir noch für Großtante Irmtraud „energetisch gereinigtes Vollmondwasser“ besorgen könnten. Natürlich. Machen wir. Das gute Vollmondwasser. Hat der Mann im Mond extra abgefüllt, um sich was dazuzuverdienen. Ich halte am Esoterik-Shop und kaufe im Wein-Laden nebenan eine Flasche Jahrgangs-Champagner. Sie ist ein bisschen günstiger als das Mondwasser. Erwin wird nervös. Wir müssten es ganz dringend noch im Hellen zur Kirche schaffen.

„Fahr! Der Baum verdeckt das Nummernschild!“

Schwungvoll gebe ich Gas, das Weihnachtsbaumende reißt mit lautem Getöse sämtliche Postkartenständer vor dem Shop um.  Die Esoterik-Tante kreischt hinter uns her. Anzeigen will sie uns. „Gib Gas“ ruft Erwin. „Der Baum verdeckt ja das Nummernschild!“ Mit 70 Sachen bretter ich um die Kurve. Der Baum rutscht. „Egal“, schreit Erwin, „ich will jetzt zur Kirche!!“ Er wirkt verzweifelt. Ich holpre unsanft über eine Bodenwelle, der Baum ist nicht mehr zu halten. Im Rückspiegel sehe ich die mächtige Tanne auf der Straße landen, mein Pulli leuchtet rot zwischen den grünen Zweigen. „Bitte“, flüstert Erwin. Ich verdrehe die Augen und fahre weiter.

Ich beauftrage Erwin, mir eine Zigarette anzuzünden. Er ist ganz blass. Mit rauer Stimme lotst er mich quer durch die Stadt. Erst etwas außerhalb, ganz in der Nähe seines Häuschens, bittet er mich anzuhalten und klettert aus dem Auto. Keine Kirche weit und breit. Erwin aber steht vor einem kahlen Baum und strahlt. „Diese Kirsche haben Lottchen und ich gepflanzt, als wir ganz junge Leute waren“, erzählt er. „Und Weihnachten haben wir hier ein Glas Sekt getrunken und Pläne fürs neue Jahr geschmiedet.“ Jetzt verstehe ich. Kirsche, nicht Kirche. Ungeschickt fingert Erwin ein kleines Perlenkettchen aus der Tasche. „Die wollte ich ihr eigentlich vergangenes Jahr schenken“, sagt er. Seine Hände zittern.

„Und? Klappt alles?“

Während er das Kettchen am untersten Zweig des Kirschbaums befestigt, schlendere ich diskret zurück zum Auto. Es qualmt. „Erwin!!!“ schreie ich. „Was hast du eigentlich mit der Zigarette….???“ Das Lammfell brennt lichterloh. Bloß gut, dass der Baum nicht mehr im Kofferraum liegt. Beherzt schütte ich das energetisch gereinigte Mondwasser über die Flammen.

Mein Handy klingelt. „Und?“ fragt meine Mutter, „klappt alles?“. „Hmjaa“, sage ich. „Das Wichtigste haben wir erledigt.“ Dann öffne ich den Champagner und gehe zurück zu Erwin. „Na“ frage ich, „was unternehmen wir nächstes Jahr?“

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