Warum Taxi fahren glücklich macht

„Geld allein macht nicht glücklich, aber es ist besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn.“ Das hat der Literaturkritiker Reich Ranicki mal gesagt. Daran denke ich, als ich in der Morgendämmerung auf dem Bürgersteig sitze. Meine Wimperntusche ist verschmiert. Wahrscheinlich sehe ich aus wie die Horrorversion eines Zirkusclowns oder der Sänger von „The Cure“. Wenn nur endlich ein Taxi vorbeikäme. Dem Fahrer wäre es sicher egal.

Das Gute an Taxifahrern ist, dass sie bereits alles gesehen haben: Weinende Menschen, lachende Menschen. Pärchen, die sich auf der Rückbank zum ersten Mal küssen und solche, die sich komplett zerstreiten. Junge Frauen, die zu einem Date wollen und ältere Männer, die von ihrer Geliebten zurückkehren. Oder umgekehrt. Ich glaube, Taxifahrer haben jede einzelne Geschichte auf dieser Welt mindestens schon einmal gehört. Sie kennen die Pointen. Wie es ausgehen wird, verraten sie trotzdem nicht. Was würde es auch ändern.
Ich hatte einen schwierigen Abend. Ich habe diskutiert und verloren. Ich habe Luftschlösser im Auge des Orkans gebaut und am Ende die Contenance verloren. Wie das manchmal so ist. Zurück auf der Straße treffe ich „Flaschenkönig Karl“. Er ist ein bisschen betrunken und sehr unglücklich. Er hat den Einkaufswagen mit seinen Pfandflaschen irgendwo stehen lassen. Sein komplettes Wochenziel ist futsch. Und damit auch sein Monatsziel. Und jetzt? „Die Leuten lügen“ sagt Karl und lässt die Schultern hängen. „Der Weg ist eben NICHT das Ziel. Das Ziel ist das Ziel. Ohne Ziel geht man doch gar nicht erst los. Oder man geht in die falsche Richtung.“


Taxifahrer sind wie Apotheker

Ich würde plötzlich wahnsinnig gerne mit dem Taxi nach Hause fahren. Man weiß so oft nicht, wohin man im Leben eigentlich will. Man weiß nicht, wo man sich in fünf Jahren sieht, geschweige denn in zehn.  Aber wenn man ein Taxi besteigt, dann ist man sich zumindest sicher, wo man sich in den nächsten 15 Minuten sieht. Das Einzige, was man dafür tun muss: Sein Ziel laut und deutlich aussprechen. In dieser Viertelstunde im Taxi hat man sein Leben im Griff. Und über den ganzen Rest kann man mit dem Taxifahrer plaudern. Egal, was es ist. Er hat ja alles schon gehört. Taxifahrer sind wie Apotheker – vor ihnen muss einem nichts peinlich sein.

Ich habe Flaschenkönig Karl mein letztes Kleingeld gegeben. Ich kann mir also eigentlich keine Viertelstunde Lebensglück mehr leisten. Laufen kann ich allerdings auch nicht. Nicht mit diesen Schuhen. Deshalb sitze ich hier auf dem Bürgersteig und warte auf den Sonnenaufgang.

Ich denke an Ranicki und starre auf das U-Bahn-Schild am Ende der Straße. Ich bin kurz davor, mich aufzuraffen, als neben mir ein Taxi bremst. Der Fahrer lehnt sich aus dem Fenster. Er ist blond und sieht ein bisschen aus Otto Waalkes in seinen besten Jahren. „Na?“, fragt er. „Mitfahren?“ Ich krabble auf den Beifahrersitz und ziehe meine Schuhe aus. „Ich hab aber kein Geld mehr“, flüstere ich. Der Taxifahrer lacht. „Prima, dann darf ich entscheiden, wohin es geht“, sagt er. Und gibt Gas.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Vielen Dank für einige neue Erkenntnisse.

    „Der Weg ist eben NICHT das Ziel. Das Ziel ist das Ziel. Ohne Ziel geht man doch gar nicht erst los. Oder man geht in die falsche Richtung.“

    oder

    „Taxifahrer sind wie Apotheker“

    Umgekehrt ist der Beruf als Taxifahrer ein Abenteuer. Man weiß nicht wohin es einen hinführt.

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