Ohne Navi – Lost in Brandenburg

In der Zeit, die ich damit verbracht habe, mich restlos zu verfahren, hätte ich es locker einmal von Berlin nach München geschafft. Zu Fuß. Mein guter Freund Henning sagt immer: „Carlinchen, machen wir uns nichts vor. Dein Orientierungssinn geht von hier bis zur nächsten Wand.“ Das stimmt leider. Und leider gehört das auch zu den Dingen, die man durch pures Wollen nicht ändern kann. Ist wie mit Rhythmusgefühl oder gutem Geschmack – hat man oder hat man nicht.

Neulich in Brandenburg. Tanja und ich sind auf dem Rückweg von der Ostsee nach Berlin. Mit ihrem dunklegrünen Golf II. Er heißt Helmut und klappert ein bisschen. Ich fahre. Als erstes fällt der Zigarettenanzünder aus. Das Navi ist sofort leer. Tanja bleibt cool. „Du hältst dich einfach an die Schilder Richtung Berlin. Kann ja nicht so schwer sein.“ Dann döst sie ein. Als sie wieder aufwacht sind wir in Polen.

Wir drehen um und kaufen an der nächsten Tanke eine Straßenkarte. Als Tanja frische Luft reinlassen will, bricht der Fensterheber auf der Beifahrerseite ab. „Kein Problem“, sagt Tanja. Dann bekommt sie einen Migräneanfall. So einen, bei dem einem sehr übel wird. Weil sie das Fenster nicht öffnen kann, um im Notfall aus dem Auto zu speien, faltet sie aus der Straßenkarte eine Kotztüte. Immerhin: Wir sind in der Nähe von Berlin.

„WO SIND WIR?!?!“

Der fünfte Gang lässt sich nicht mehr einlegen. „Kein Problem“, sagt Tanja. „Fahren wir eben im vierten“. Ich verwechsle einen finsteren Waldweg mit einer Autobahnabfahrt. „Macht nichts“, meint Tanja. „Dreh einfach um“. Ich wende und stehe mitten auf der winzigen Straße, die Auto-Schnauze knapp vor einem Graben. Der Rückwärtsgang geht auch nicht mehr. Tanja kotzt in den Graben. Wir schieben Helmut zurück und schaffen es knapp auf die richtige Spur, bevor das nächste Auto kommt.

„Wir sind bestimmt gleich da“, sagt Tanja. Am Horizont taucht Potsdam auf. Mein Handy hat noch 5% Akku. Ich rufe Henning an. „Wo sind wir?!?“ schreie ich. Er googelt. Seufzt. „Ihr seid am Arsch“, sagt er. „Das ist ein Problem“ findet Tanja. Es geht ihr etwas besser. Sie hat an der Tanke ein Fläschchen Doppelkorn gekauft. Ich fahre versehentlich in eine Baustellenauffahrt. Wenden unmöglich. Der Rückwärtsgang geht immer noch nicht. Ich rufe den ADAC an. Meine Mitgliedsnummer? Ich suche. Das Handy geht aus. Tanja trinkt den Korn mit einem Zug leer. Wir zerlegen den Absperrzaun und fahren quer durch die Baustelle wieder auf die Autobahn. Es ist 3.00 Uhr morgens.

„Ich bin mir übrigens nicht sicher, wie viel Benzin wir noch haben“, sagt Tanja. „Die Anzeige ist kaputt“. „Ich wünschte, ich könnte das alles twittern“, sage ich. Tanja wirft den Korndeckel nach mir. Ich fahre eine Schlangenlinie. Hinter uns geht Blaulicht an. Der Polizist, der uns anhält, zieht die Augenbrauen bis unter den Mützenrand. „Haben Sie getrunken?“ fragt er. „Nein“, sage ich matt. „Quaatsch“, sagt Tanja und kichert. Der Polizist starrt auf den Korndeckel in meinen Haaren. „Was ist denn das Problem?“, fragt er. „Migräne“, sagt Tanja. „Nachtblind“, sage ich. „Navi aus und Tank leer“ sagt Tanja. „Wir wollen nach Hause“, sage ich.

Die Autobahnpolizei eskortiert uns bis zur Abfahrt Wilmersdorf. „Beim nächsten Mal…“, sage ich. „…fahren wir ins Freibad“, sagt Tanja. „Mit dem Fahrrad“, sage ich.

Dann biege ich zweimal ab und schalte das Fernlicht an, damit ich das Ortsschild lesen kann. „Willkommen in Spandau“ steht da.

Foto: Anja Bleyl 

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