„Anders als die anderen Kinder“

Hätte ich im Studium Tina nicht kennen gelernt, würde ich heute vermutlich deutlich weniger Rotwein und Kaffee trinken. Ich würde nicht rauchen und hätte keine Ahnung, was „Nuttentampons“ sind. Allerdings hat Tina mich auch durchs Studium gepaukt. Sie ist nämlich viel schlauer als ich. Und ehrgeiziger. Ihr leidenschaftlicher Lebensstil hat sie nie davon abgehalten, Höchstleistungen zu bringen. Von Tina habe ich gelernt, nicht weniger als mein Bestes zu geben. Niemals verloren zu gehen.
Typischer Satz: „Mach den Wein auf, wir müssen über Liebe reden.“

Leni habe ich weinend auf einer Party gefunden und ihr erst mal eine Jacke und einen Drink geklaut. Dann haben wir uns in einer Nacht unser ganzes Leben erzählt. Leni ist sehr begeisterungsfähig was Menschen angeht. Wenn sich diese Menschen dann als doch nicht so prima herausstellen, verbrennt sie getrockneten Salbei. Um die Aura von negativen Energien zu reinigen. Leni ist viel toleranter als ich. Und herzlicher. Sie kann mit ihrer strahlenden Lebenslust jeden um den Finger wickeln. Von ihr habe ich gelernt, dass man Menschen genauso lassen muss, wie sie nun mal sind. Es gibt fast immer einen Grund, sie zu mögen.
Typischer Satz: „Aber mein Herz. Kannst du nicht den Zauber fühlen?“

Mit Henning habe ich jahrelang Wand an Wand gewohnt. Er hat ungern abgespült und nachts um drei deutsche Liedermacher für mich aufgedreht. Regelmäßig hat er mir Harald Martenstein vorgelesen und sich mit größter Gelassenheit meine aktuellen Dramen angehört. Und stets die entscheidenden Fragen dazu formuliert. Henning ist viel unaufgeregter als ich, viel weiser. Von ihm habe ich gelernt, dass selbst das Schlimmste, das passieren kann, auszuhalten ist. Und dass man mit bestimmter Freundlichkeit die Menschen eher von seiner Sache überzeugt, als mit Härte.
Typischer Satz: „Na Carlinchen? Bist du wieder in deiner Erdbeerwelt?“

Manchmal entsteht zwischen Menschen eine besondere Art von Nähe. Sie ist schwer zu greifen, aber sie ist da. Vielleicht hat es mit den „komischen Kindern“ von damals zu tun. Die, über die der Klassenlehrer beim Elternsprechtag gesagt hat: „Wirklich nett. Eben ein bisschen anders als die anderen Kinder“. Irgendwann lernt man mit diesem Anderssein umzugehen. Es sozialverträglich zu verpacken. Aber es geht nie ganz weg. Das Gute ist: Man fühlt sich nicht mehr so allein damit. Die Welt ist groß und voll mit komischen Kindern. Sie sind zwar erwachsen geworden. Aber vielleicht gibt es eine unbewusste Verbindung zwischen denen, die mal anders waren. Ganz damals, als das noch keine stolze Entscheidung war, sondern eine verstörende Tatsache.

Es ist egal, was es genau war. Da waren die Kinder mit den imaginären Freunden und die, die sich selbst ausgedachte Geschichten zum Einschlafen erzählt haben. Die, die besonders schlau, verträumt oder besonders frech waren. Die, die nie Fernsehen gucken durften und seltsame Kleidung trugen. Die, die sich nicht als Prinzessin oder Cowboy verkleiden wollten, sondern als Heißluftballon.

All diese Kinder haben etwas gemeinsam: Sie haben gelernt, dass es etwas Besonderes ist, jemanden zu treffen, der sie genauso mag, wie sie sind. Über viele Jahre hinweg haben sie Antennen für dieses Gefühl entwickelt. Und die sind seit damals so fein, dass sie heute noch ausschlagen. Dann entstehen manchmal Freundschaften dieser ganz besonderen Art. Von denen man so viel lernen kann.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: