New York State Of Mind

Waiting for Mr. Big

Waiting for Mr. Big

Städtereisen haben für mich den gleichen Reiz wie die Entfernung sämtlicher Weißheitszähne bei örtlicher Betäubung. Zu anstregend, zu laut, zu viele fremde Menschen – zu verbissen. Dann kam New York. Und diese verdammte Treppe. Ich habe mich ein bisschen reinverliebt in die Stadt und in den Zauber der ewigen Frage: Can you make it there?

Die Sonne ballert ihre Hitze in die Hochhäuserschluchten, als blieben ihr dafür nur noch diese letzten Maitage. Staub auf breiten Bürgersteigen, gelbe Taxis und malerische Feuerleitern, überall Brücken und qualmende Hotdogstände. Das Verrückte ist: Es fühlt sich wie selbstverständlich an, fast vertraut. Auf jeden Fall weniger exotisch als Bielefeld-Ost oder das Bräurosl-Zelt auf dem Oktoberfest. Vielleicht, weil es so viele Lieder über New York  gibt, so viele Filme, so viele Geschichten.

Ich habe es weder zur Freiheitsstatue geschafft, noch auf das Empire State Building. Ich habe keine Stadtrundfahrt gemacht und keine Kanutour im Central Park. Nicht mal eine Postkarte habe ich mitgenommen. Sorry New York.

Aber diese Treppe, die musste ich unbedingt sehen. Alle sechs Staffeln lang hing ich den Mädchen von Sex And The City an den Lippen. Habe Cosmopolitan getrunken, mit großen Augen vor unbezahlbaren Manolo Blahniks gestanden und meine Freundinnen in zwei Lager eingeteilt – Team Aidan oder Mr. Big?

In all den Jahren immer mit dabei: Diese Treppe irgendwo in Manhattan. Hier hat Carrie gewartet und geraucht, geweint und geküsst. Für mich steht die Treppe genauso für New York wie die mächtigen Wahrzeichen der Stadt.

Im Herzen frei

Die Klimaanlagen sind zu kalt, das Bier zu teuer und mit einer brennenden Zigarette wird man angeschaut, als trüge man ein Osama-bin-Laden-Fantrikot. Die Dollarscheine sehen alle irgendwie gleich aus, die Straßen haben Zahlen statt Namen und gibt man dem Kellner zu wenig Trinkgeld, könnte man auch gleich mit Ketschup FUCK YOU auf den Teller schreiben.

Und trotzdem ist New York eine Stadt, die „Ja“ sagt: „Ja, du bist hier willkommen. Ja, komm näher, trau dich. Jaja, wir kriegen das schon alles irgendwie hin.“ Keine Ahnung, warum das so ist. Vielleicht, weil New York mal versprochen hat, all das zu bieten, wonach Menschen sich sehnen: Freiheit, Arbeit, Heimat. Die Hoffnung, dass es stimmen könnte, hängt bis heute in jeder Ecke dieser Stadt. Klingt pathetisch? Nun, New York IST pathetisch.

Vielleicht ist die Carrie-Treppe für junge Frauen deshalb so wichtig, weil sie eine Art Freiheitsstatue der Herzen ist. Weil auch sie ein Symbol darstellt. Für das Hoffen und Zweifeln, das Scheitern und Ankommen. Ein Symbol für den alltäglichen Kampf in einer Welt, in der es nicht ums blanke Überleben geht. Sondern um die Sehnsucht nach Glück, Freundschaft und Liebe. Und weil auch sie, als Antwort auf die ewige Frage, das Versprechen birgt: Am Ende wird alles gut.

Das wunderbare Titelfoto ist wie immer von der wunderbaren Anja Bleyl.

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