Mein Neukölln

… darf von mir aus auch überall sein

Ich mag Neukölln. Mir bleibt allerdings auch gar nichts anderes übrig, ich wohne nämlich hier. Mitten auf der Sonnenallee.

Mein Neukölln

Lost in Neukölln – Foto: Anja Bleyl

Wenn mir danach wäre, könnte ich jederzeit ein Hochzeitskleid aus aneinander genähtem Glitzer kaufen. Oder einen muslimischen Sarg mit Zinkeinsatz, je nachdem. Mein Haus befindet sich jedenfalls in bester Lage, zwischen „Brautmoden Shuruq“ und „ADA Cenaze Bestattungen“.
Ich könnte auch rund um die Uhr die extrascharfen Döner vom Erk-Imbiss auf die Polizeistation gegenüber werfen. Oder mit den Jungs vom Fußballplatz die Aral überfallen und danach den netten Damen aus der Erotik-Bar „Lübov“ ein büsschen Sprit ausgeben.

Ich bin damals hergezogen, weil es billig war. Weil man mir sagte, Kreuzkölln sei cool und weil ich den M29 schon kannte. Heute weiß ich natürlich, dass es Kreuzkölln gar nicht geben sollte. Weil das von schwäbischen Gentrifizierungs-Hipstern ohne Seele erfunden wurde. Heute liegt meine Miete rund 150 Euro höher als beim Einzug und zur Arbeit fahre ich mit dem Fahrrad. Den berühmten Bierflaschen-Slalom durch die Weserstraße.
Aber ich mag Neukölln.

PHILOSOPHIE

Ich mag die Prioritäten hier. Was in meiner Heimat Köln gilt, gilt in Neukölln nämlich schon lange: Levve und levve losse. (Leben und leben lassen.) Man formuliert es nur weniger poetisch.


Neukölln ist manchmal herrlich schnörkellos. Bloß nicht angeben. Bloß nichts schöner machen, als es ist. Manchmal sind die einfachen Dinge auch die Besten. Und ganz ehrlich: Wer braucht schon Hugo Aperetivo oder lukullische Lachshäppchen, wenn er das hier haben kann?


Zumal man in Neukölln oft nicht so genau weiß, ob gerade die richtige Zeit für einen Drink, ein Häppchen oder einen Döner ist.

GENTRIFIDINGSBUMS

Viele behaupten, Neukölln sei ein Beweis für gescheiterte Integration. Andere meinen, es sei ein Beispiel für außer Kontrolle geratene Gentrifizierung. Die Wahrheit sonnt sich derweil irgendwo auf einer Wiese in Gropiusstadt und schlürft Club Mate. Wichtig ist auf jeden Fall, erstmal ordentlich zu pöbeln. So zur Sicherheit. Bei putzigen Deko-Elementen an der Hauswand weiß man ja nie…


Ich finde, das Schöne an dem ganzen Getrifizierungs-Schlamassel ist, dass es so Dinge gibt, bei denen sich wieder alle einig sind. Schlechte Scherze über den Hermannplatz, Exfreunde oder die Gendarmerie gehören unbedingt dazu.


Was mich betrifft: Ich hab ja keine Angst vorm Hermannplatz! Denn wenn man genau hinsieht, gibt es zwischen all den Junkies, Hipstern und Friedensrichtern immer Einen, der auf dich aufpasst.


(Via Muschi Kreuzberg bei Facebook)

NAHVERKEHR

Helden gibt es nicht nur am Hermannplatz. Sie sind auch in der Bahn. Diese ganz großen Philosophen und Lebenskünstler. Hier kann man lernen, was wirklich zählt. In Berlin, im Kiez, im Leben. Es gibt große Träume und kleine Wünsche. Und egal, was man sucht, es findet sich was fast immer etwas.

Für die Suche nach Antworten hat man viel Zeit im Bus M29, der vom tiefsten Neukölln bis ins friedliche Wilmersdorf fährt. Auf dem langen Weg kann man sich wunderbar Gedanken machen. Über die Liebe und das Einsam sein, zum Beispiel. 

Und die Dame mit dem lustigen Hut erklärt, wer an allem Schuld ist: Die Grammatik. Natürlich.


LIEBE

Dabei kann Neukölln durchaus sehr romantisch sein. Nicht immer dann, wenn man es erwartet. Nicht immer so, wie man es sich vorgestellt hatte. Aber wenn es soweit ist, kümmert es niemanden, woher du kommst, wie alt oder vergeben du bist.

 Und auf den schäbigen Treppenstufen liegt ein schäbiger Zettel. Mit ungelenker Schrift und welkender Rose. Und es ist das Romantischste, was du seit langem gesehen hast.

Es muss eben nicht immer blaue Tinte sein. Nicht immer prinzenhafte Perfektion.

 

 

 

 

 

Sogar die älteren Herren aus der arabischen Welt wissen, wie sie junge Mädchen beeindrucken können. Und ich lerne: Gefrorener Orangensaft kann eine Geste der Globalisierung, Integration und Romantik sein…

NÄCHTE

Allerdings wird man von gefrorenem Orangensaft nicht betrunken. Und wer meint, es sei grundsätzlich von Vorteil, total fit, lustig und schlagfertig zu sein – der war noch nie in einer Samstagnacht in Neukölln unterwegs…

Man kann es natürlich auch umgekehrt machen und sich in Jägermeister ertränken. Dann geht der Abend anders aus. Und plötzlich hast Du neue Klamotten, neues Interior und einen neuen Job.


Vor allem, wenn du feststellst, dass sich der Trinkteufel gar nicht in Neukölln, sondern in Kreuzberg befindet. Dann nimmst du ein Taxi. Und dann wird es wieder romantisch.

TIERE 

In Neukölln begegnet man nicht nur vielen unterschiedlichen Menschen.
Mein Tipp: Bei hüfthohen Tieren, die sich hinter den Mülltonnen verstecken, handelt es sich nicht immer um den freundlichen Bernhardiner aus dem zweiten Stock…


Dafür kann man gezielt kontern, wenn die Freunde aus Süddeutschland schon Ende Oktober die Pinnwände mit entzückende Schnee-Fotos überladen.  („Guckt mal, es hat geschneiiiheiit!!“) Während es im grauen Berlin einfach nicht aufhören will zu schütten.

Mit den Tieren ist es manchmal wie mit den Neuköllnern: Du hast keinen Schimmer, ob das alles Ironie, Absicht oder Zufall ist. Aber eigentlich ist es ja auch völlig egal.



Mein liebes Neukölln,
Dein Bürgermeister Heinz Buschkowsky sagt: Neukölln ist überall. Er meint das nicht als Kompliment. Dabei ist nicht mal in Neukölln überall Neukölln. Ich mag Dich. Wo auch immer Du bist.

 

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. carline, wir schwaben sind doch schon verantwortlich für den untergang des prenzelbergs. ich finde beschwerden über die existenz von kreuzkölln (formblatt b34 anhang f) könnten an skateboardfahrer Ü30 weitergeleitet werden.

  2. Toller Text. Ich wohne ja im wedding und habe deswegen vom entfernten Neukölln keine Ahnung, aber diesen Text habe ich sehr gerne gelesen. Der Herrmannplatz macht mir trotzdem Angst. 🙂

  3. Pingback: #50/12 | neukoellner.net | Berlin-Neukölln

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