Warum das erste eigene Auto wie die erste große Liebe ist

Endstation. (Foto: Bleyl)

Endstation. (Foto: Anja Bleyl)

Die Bremse klappert, als würde man einen Sack mit rostigen Schrotteilen schütteln. Den Auspuff habe ich mit Kabelbindern und Paketband festgebunden, durch das Loch im Beifahrerfußraum kann man den Asphalt vorbeirauschen sehen.

Ich habe lange gekämpft. Hantierte mit Bremskolbenrückdrehern und guckte stundenlang YouTube-Tutorials zum Thema „Lichtmaschine selber wechseln“. Mit Würde ertrug ich meine elf Punkte in Flensburg und stellte mir in wochenlanger Kleinarbeit Autokassetten für jede denkbare Stimmungslage zusammen. Am Ende waren es 48 Stück. Jetzt ist es vorbei.

DN-CV-406. Der kleine weiße Peugeot 106, Baujahr 1991 fuhr mich zu meiner Abiprüfung. Strahlend weiß und vollgetankt. Wir waren wie eine Weltmacht. Luc und ich. „Luc“ – wie Jean Luc Picard, der Captain der Sternenflotte, der Entdecker der Welten. In wenigen Wochen knallten wir gegen sämtliche Pöller auf dem Lehrerparkplatz. Und beschuldigten anschließend den Philosophiereferendar. Nach einem Glas Rotwein manövrierte ich uns in eine Parklücke, aus der ich am nächsten Tag nicht mehr raus kam. Der Mann vom ADAC hatte zum Glück Humor.

Anfangs läuft es wie von selbst. Kein Fehler kann dich erschüttern. Im Handschuhfach liegen Straßenkarten aus dem ganzen Land. Und dann fährst du doch einfach da entlang, wo es schön aussieht.

GI-ZR-547. Vollbepackt zuckelten Luc und ich in meine erste Studenten-WG. Auf der Autobahnraststätte fiel mir auf, dass der Teppich zu weit aus dem Kofferraum ragt. Beherzt knotete ich am Teppichende mein rotes Bikinihöschen fest. Die Autobahnpolizei lachte herzlich und verpasste mir trotzdem ein Verwarnungsgeld. Später lagen die Ordner über mittelalte Geschichte auf der Rückbank. Am Verbandskasten pappt bis heute ein Spickzettel über Friedrich den Großen. Im ewigen Stau auf der A4 Richtung Rheinland habe ich angefangen zu rauchen. Bis eines Tages ein glimmender Zigarettenstummel auf Friedrich landete. Am Autobahnkreuz Olpe-Süd musste ich eine Vollbremsung machen und brennende Leitz-Ordner vom Rücksitz schaufeln. Die Magisterprüfung habe ich trotzdem bestanden.

Zeit verbindet. Erinnerungen sind manchmal mächtiger als Wahrheiten. Ein kleines Auto hat für mich Heimat bedeutet. Es kennt meine Tränen auf dem Lenkrad, meine schlimmsten Flüche, mein lautestes Lachen, meine peinlichsten Lieblingssongs. Es war immer da.

M-XS-9023. Zusammen sind wir zu den ersten Vorstellungsgesprächen gefahren. Zu den ersten Hochzeiten. Zum ersten Job. Meine Rundmails waren berüchtigt: „Liebe Kollegen. Wer weiß, wie man einen Kurzschluss im Erregerkreis repariert? Und wer könnte mich am Isartorplatz abschleppen kommen? JETZT?!“

Luc ist übersät mit Brandlöchern und riecht nach Hamsterpipi. Mein einziges Haustier durfte auf dem flauschigen Lammfell sitzen, als Luc und ich ihn ein letztes Mal zum Tierarzt gefahren haben. Nachdem ich versucht hatte, den Kurzschluss im Erregerkreis selbst zu reparieren, konnte man den Motor nicht mehr abstellen. Wochenlang musste ich zum Ausschalten das Kabel von der Lichtmaschine ziehen. Bis ich zufällig herausfand, dass der Motor auch dann ausgeht, wenn man den hinteren Scheibenwischer anstellt.

Ich liebe mein Auto. Ich kenne seine kleinen und großen Macken, sein schwerfälliges Tempo bei Steigungen und alle seine toten Winkel. Ich weiß auf den Meter genau, wie weit ich noch fahren kann, wenn die Tanknadel schon lange im roten Bereich hängt. Vielleicht ist es nicht perfekt. Aber ich fahre es blind.

B. Luc hat es bis Berlin geschafft. Vor meiner ersten eigenen Wohnung gestanden. Ganz vorsichtig tuckerten wir durch die neue Stadt. Jede Kurve konnte die letzte sein, das war mir klar. Doch als er mitten auf der Sonnenallee den Unterboden verlor, hat es mir das Herz zerrissen. Ich wusste: Es ist vorbei.

Die letzte Fahrt

Die letzte Fahrt

Mit einem Auto ist es manchmal wie mit Menschen. Du reparierst die Schwachstellen, investierst Kraft und Zeit. Verzeihst alle Fehler, akzeptierst sämtliche Macken. Manchmal wider alle Vernunft, gegen jeden Rat. Weil du daran glaubst, dass es noch ein paar Kilometer weiter gehen könnte. Aber irgendwann biegst Du nicht mehr da ab, wo es schön aussieht. Fährst stur geradeaus, wagst keine Umwege. Der Tank ist immer auf Reserve. Weil Du nicht weißt, was als nächstes kaputt gehen wird. Du weißt nicht, wann es passiert und was es sein wird. Du hast Angst bei jedem einzelnen Meter.

Luc bekommt dieses Jahr keinen TÜV. Er sieht verloren aus, wie er da auf dem Schrottplatz steht. Noch immer: schmerzhaft vertraut. Ich werde nicht vergessen, wie es sich anfühlte. Luc und Carline. Eine Weltmacht.

14 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Wo, zum Teufel, ist denn hier das Gästebuch, Mademoiselle? Um Ihnen zu schreiben, wie zauberhaft Ihre Texte sind?

  2. Ich hatte Luc auch lieb. Wenn er zu Besuch kam, habe ich ihn von Hamsterfutter in den Lammfellzügen befreit, die Restmülldeponien unter den Sitzen entsorgt und die noch nicht bezahlten Knöllchen aus den Ritzen gezogen. Stattdessen verwöhnte ich ihn mit gewaschenen Wolldecken und einer Tour in die Waschanlage, mit Kühlerwasser und Benzin. Danach bekam er meinen Garagenplatz und funkelte vor sich hin. Wie ein frisch gebadetes Kind. Manchmal können Autos wie Menschen sein.

  3. Ich kannte ihn auch noch, und es tut mir ehrlich leid.

    Ich glaube wir haben drin Pink Floyd und Best of 80s gehört, als du mir geholfen hast, meinen Schreibtisch zu transportieren.

    Ruhe in Frieden. Mein Lieblingstext hier.

  4. ich hoffe mein freeed hält noch ein bisschen durch und hat sein ende noch weit weit entfernt…. ich kenn mein autochen (bj 1992) auch in- und auswendig 🙂

  5. WOW es gibt Menschen die so sind wie ich? Ich kann das soogut verstehen. Alle 15000km Pumpe ich fleissig Kohle für Inspektionen und „Ja-nur-Verschleissteil-Reparaturen“ in meinen 14 Jahre Alten Kombi und verteidige mich in alle Richtungen, 50000km im Jahr mit einem V6-Benziner runterzuspulen. Na und? es ist das beste Auto der Welt und sollte irgendwann nicht mehr sein werde ich heulen wie ein kleines Mädchen

  6. wirklich purer Zufall, dass ich mich hierher verirrt habe, aber dennoch so vertraut 😀
    Ich habe mein Herz auch verloren, Dr.Turbo heisst der Gute. Ein Erbstück und eine große Erinnerung an meine Mama und wird dieses Jahr 16 Jahre alt. Und ja, Geburtstag wird gefeiert – meistens mit einem Besuch in der textilen Autowaschstrasse. 😉

    Der Teil mit „Es kennt meine Tränen auf dem Lenkrad, meine schlimmsten Flüche, mein lautestes Lachen, meine peinlichsten Lieblingssongs. Es war immer da.“ ließ mich schmunzeln und seufzen – auch bei mir trifft das zu. Und ohne dass ich irgendwelche objektophilie-Gedanken habe, so liebe ich dieses DING und teile Erinnerungen und Erfahrungen und gute sowie schlechte Zeiten (Spontanität und Unabhängigkeit und abgeschleppt werden… mit einem Seil) und habe auch viel gelernt…. über mich selbst, über meine Grenzen (Wut, Frust und Gefahrensituationen im Verkehr) und auch über diverse Autoteile und Reparaturen unermessliches Wissen mittlerweile 😀

  7. Pingback: Der Traum fährt mit | Mohrenpost

  8. Ich bin auf diesen herzallerliebsten Text gestoßen, weil ich nach Menschen googelte, die mich verstehen. Mein Honda HRV ist schon 17 Jahre alt.
    Nun muss er weg, er schafft es nicht mehr. Fassade bröckelt und der Unterbau ist restlos verloren, bzw. geflickschustert.
    Wir sind durch dick und dünn gefahren, der Kleine und ich. Und nun müssen wir uns trennen. Ich fühle mich, als würde ich meinen besten Freund verraten, wenn wir zwei zu Autohändlern fahren. Ich frag ja dann immer, ob man ihn in Zahlung nimmt, ich bin überzeugt, dass er es „hört“. Jetzt gibt er sich immer Mühe, fährt schön leise und hält plötzlich wieder die Spur, trotz defekter Stabilisatoren und Radlager. Was soll man da machen, das ist verrückt?!
    Ich habe jetzt schon einiges Anderes angeschaut. Mir gefällt einfach nichts!
    Alle angebotenen Autos erscheinen gesichtslos und gegenständlich.
    Aber, ich muss ja irgendeinem eine Chance geben…

  9. Ich trauere mit dir !
    Mir gehts gleich .
    Mit all den Gedanken und mit all der Hoffnung ihn noch ewig behalten zu können ❤️

    Fühl dich gedrückt !

  10. Hallo liebe Carline, so langsam dämmert mir, welche Seiten Deiner Persönlichkeit es sind, die mich bei unserer ersten Begegnung zwar nicht zu verbrennungsmotorisch, sondern ideomotorisch gesteuerten Bewegungen der Zustimmung zu so gut wie jedem Deiner Worte in der Erfurter Diskussionsrunde gebracht haben.

  11. Klasse, sehr cool geschrieben.
    Mein 1. Auto besitze ich noch, hege, pflege und verdel es. Naja es kamen noch ein paar weitere „erste Autos“ dazu. Irgendwie kann ich mich von meinen Schätzen so schwer trennen 😀 aber da ich sie auch reparieren kann ist das wohl so 😉
    Für mich würde die Welt untergehen wenn es meinen geliebten schönen tiefen, braunen mit den glitzernden Felgen Golf nicht mehr geben würde!

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