Schwer verliebt – Ein Herz für Freaks

Warum ich auf Sarahs Seite bin 

Manchmal ist das leider lustig: Die fette Schwiegertochter aus dem heimeligen Hunsrück flirtet mit dem grenzdebilen Bauern aus der einsamen Eifel. Manchmal muss ich herzlich lachen über die Kuppelshows bei den Privatsendern. Bis ich an Alexander W. aus der 6. Klasse denken muss.

Damals auf dem Schulhof, zu welcher Gruppe habt ihr gehört? Zu den Verlierern? Zu denen, die die Verlierer gejagt haben? Zu denen, die sich rausgehalten haben? Oder sogar zu denen, die die Verlierer verteidigt haben?

Die Rheinzeitung hat sich nun öffentlich der letzten Gruppe angeschlossen. Sie hat über Sarah geschrieben. Über die schielende, moppelige Sarah aus der Sat.1-Sendung Schwer verliebt. Die Rheinzeitung versucht, mit dem Artikel Schwer verletzt, statt schwer verliebt der 27-Jährigen ihre Würde zurückgeben. Ich finde das mutig und richtig.

Dabei geht es eigentlich gar nicht um Sarah. Es geht um die Frage: Zu welcher Schulhof-Clique gehören wir heute?

Sarah ist seltsam 

Die Rheinzeitung versucht zu zeigen, dass Sarah ganz anders ist, als Sat.1 es darstellt. Liebe Rheinzeitung, ich verstehe das. Ihr wollt Sympathien für das Mädchen wecken. Ihr wollt den Leser an die Hand nehmen und auf Sarahs Seite führen. Das finde ich gut. Ich finde es aber nicht gut, dass wir jemanden scheinbar erst entfreaken müssen, um uns vor ihn zu stellen.
Wisst ihr was? Selbst wenn Sarah sich Kens Konterfei auf den Hintern tätowieren würde und eine amouröse Beziehung zu den Barbiepferden hätte – ich bin auf ihrer Seite. Das Problem ist nämlich nicht die Realitätsverzerrung durch die Sender. Das Problem ist der Schulhof.

Ein Schulhof mit 3 Millionen Menschen

Warum sollten wir uns auf die Seite von jemandem stellen, über den wir auf dem Schulhof gelacht hätten?
Meine Antwort: Wir sollten auf Sarahs Seite sein, weil dieser Schulhof plötzlich aus 2,93 Millionen Menschen besteht. So viele Zuschauer schalten in etwa bei Schwer verliebt ein.
Wir sollten auf Sarahs Seite sein, weil wir zwar noch immer auf diesem Schulhof stehen, aber doch nicht mehr verdammte zwölf Jahre alt sind.

Die Wucht der Demütigung entsteht durch die Masse, die dabei zusieht, wie seltsame Menschen im Fernsehen noch seltsamer werden. Man schaut die Kuppelshows nicht wegen der romantischen Liebesgeschichten, wie damals bei Nur die Liebe zählt. Man schaut die Kuppelshows wegen des Reiz des Fremdschämens. Weil es lustig ist, wenn Menschen sich blamieren, ohne es zu merken.
Dabei merken sie es anscheinend doch, wie der Artikel der Rheinzeitung zeigt. Und eigentlich wussten wir schon vorher, dass der große Spaß auf dem Bildschirm nicht ganz fair sein kann.

Jäger, Verlierer und der Rest

Es geht nicht darum, ob jemand ein Freak ist. Es geht auch nicht darum, dass Fernsehsender ihre Protagonisten missbrauchen und vorführen. Die Sender zeigen, was die Zuschauer sehen wollen. Und genau darum geht es.

Es gibt die Verlierer. Das sind aktuell die Bauern, die Dicken, die Schwiegertöchter und die Talentfreien. Sie werden gejagt und gedemütigt von Fernsehsendern wie RTL und Sat.1. Und es gibt eine hämische Masse, die dabei zusieht. Das sind die 2,93 Millionen Zuschauer.

Es geht darum, dass wir immer noch auf diesem Schulhof stehen. Es geht darum, dass der Schulhof unsere Gesellschaft ist. Es geht darum, dass wir irgendwann die Größe haben sollten, einer Hetzjagd zu widerstehen. Egal, wie lustig sie sein kann. Egal, wie dämlich der Gehetzte tatsächlich ist.

Heute tut es mir leid, wenn ich an Alexander W. aus der 6a denke. Wir haben damals mit seinem Pausenbrot Fußball gespielt. Zugegeben: Der Typ war ein Idiot. Aber wenn er heute bei „Schwer verliebt“ auftauchen sollte – ich würde umschalten.

7 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich verstehe den Artikel nicht ganz. Einerseits machen sie sich immer noch lustig über sogenannte Freaks, und dann sagen sie man soll das nicht mehr tun, weil man ja jetzt erwachsen ist. Und was soll das Verlierer? Selbst vermeintliche Verlierer können plötzlich oder irgendwann zu Gewinnern werden ebenso wie die die oben stehen fallen können. Und was soll das Talentlose!? Jeder hat Talente, manchmal sind sie einfach unentdeckt. Also mich regt ihr Artikel mehr auf als dass ich ihn hilfreich finde!

  2. @ Margot: Mit Talentfrei bezog sich die Dame auf das Fernsehformat „Das Supertalent“, wie ich annehme. Daselbst werden die Teilnehmer auch übelst vorgeführt.
    Und ich würde gerne wissen, an welcher Stelle sie sich lustig macht – ist an mir offensichtlich vorbeigegangen.

    Mir gefällt der Artikel.

  3. Meine Schwester wurde früher „rote Lokomotive“ genannt. – Sie hatte Neurodermitis.

    Jungs aus meiner Klasse wollten nicht dieselbe Luft atmen, weil ich ihnen zu lesbisch (O-Ton) war. – Meine Vorstellung von Rollenverteilung war ihnen nicht geheuer.

    Kinder (und viele in meiner Umgebung, bzw. die 2.9 Millionen-Quote [die wie nochmal ermittelt wird?] dieser Sendung) sind grausam. Ich frag mich gerne was zuerst da war…. der Mensch oder das Arschloch?

    Entschuldigung, ich finde kopulierende Barbiepuppen angesichts der Sexualisierung unserer (Medien-) Gesellschaft und kein Handy zu besitzen, weil man schon zu wenig Geld fürs Heizöl und einen Vater mit einer Herz-OP hat nicht seltsam.

    Mein Zimmer würde ich evtl. auch anders einrichten, aber ich besitze auch keinen Fernseher und habe die Sendung daher auch nicht gesehen.

    Seltsam kommt für mich von selten… schade, dass das heutzutage eine solch negative Konnotation beinhalten zu scheint.

    Wie dem auch sei, wenigstens finden sie öffentliche Gewalt und Demütigung durch Herabsetzung trotzdem so scheiße, dass sie wenigstens umschalten würden. Für die Quote.

  4. Ich glaube die Krux für Sarah steckt in der Scripted Reality. Ich habe mir das jetzt mal genauer angesehen. Die Sätze, die Sarah und ihre beiden Liebesanwärter sprechen sind kurz und langsam gesprochen. Nach einem halben oder ganzen Satz folgt ein Schnitt. Musik setzt ein oder man sieht sie in Zeitlupe etwas tun. Indizien dafür, dass Sarah als Laienschauspielerin ein wie auch immer verfasstes Skript abspult.

    Freak oder nicht: was Sarah und die anderen vor der Kamera tun, ist bei genauerer Betrachtung gestellt, ihre Sätze sind auswendig gelernt oder kurz einem Redakteur nachgesprochen, während die Kamera läuft.

    Sat.1 zeichnet eine Sarah, die es so nicht unbedingt gibt. Das TV-Team hat eine klare Vorstellung, was die Zuschauer später vor dem Fernseher sehen sollen. Sarah ist dabei leider das Opfer. Es ist wie du schreibst, dabei völlig unwesentlich, ob sie in ihrem Leben ungewöhnlich oder sogar ein Freak ist. Vielleicht ist Sarah merkwürdig, vielleicht wäre aber auch jeder andere nicht-Medienprofi auf das Spiel der TV-Produktion reingefallen und hätte sich schamlos überzeichnen lassen.

  5. Also ich glaub wenn du selber mal bei den Verlieren stehen
    würdest,wär dein Text anders ausgefallen,kann aber auch nur ne schwere Vermutung sein!!!Aber genauso gut kann man auch die Maus als LandHai huldigen,oder sich dafür einsetzten.aber das macht die Maus leider auch nicht stärker,weil der liebe Gott den Mausebock als sensibles Tier erschaffen hat…Das wär dann in etwa dasselbe ;)Ich hoffe dein Intellekt reicht aus um das zu verstehen,aber das bezweifel ich!!!Und darum stirbt der Landhai an gebrochenen Herzen!!!Und das wär dann aber nicht deine Schuld!!!!Alles gute trozdem und Kopf Hoch!!!

  6. Pingback: Zahlreiche Reaktionen auf unsere Berichterstattung über Sarah | Rhein-Zeitung

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