„Grenzen dicht! Flüchtlinge raus!”
Mit einem besorgten Bürger unterm Weihnachtsbaum


Im Radio läuft Frank Sinatra. Es gibt einen Weihnachtsbaum und bunte Geschenke. Wir schälen Kartoffeln.

Julian: Ich muss dich mal was fragen, Carline. Du schreibst ja immer so Sachen über Flüchtlinge auf deinem Blog. Glaubst du wirklich, dass es gut für unsere Gesellschaft ist, wenn so viele Menschen mit völlig fremden Kulturen in unser Land kommen?
Carline: Ich finde eine Vermischung von Kulturen erst mal nicht schlimm.
Julian: Aber die schränken doch jetzt schon unser Leben ein!
Carline: Ja?
Julian: Ja! Kumpels von mir gehen seit Jahren zweimal die Woche Fußball spielen. Jetzt können die das nicht mehr, weil in der Halle ein Flüchtlingslager ist.

Carline: Das ist natürlich ärgerlich für deine Kumpels. Aber das ist doch nicht als Dauerlösung angelegt.
Julian: Weiß ich nicht. Fakt ist: die können wegen der Flüchtlinge JETZT nicht Fußball spielen, obwohl sie gerne würden.
Carline: Was würde deine Kumpels denn zufrieden machen? Wenn sie die Flüchtlinge wegschicken könnten? „Uns egal, wo ihr schlaft. Nehmt eure Babys, legt euch unters Kotti, wir wollen jetzt Fußball spielen!“

Julian: Hm. Nee. Aber das Problem ist doch, dass wir nicht mal gefragt wurden! Ob wir das wollen mit den Flüchtlingen hier. Wir öffnen alle Tore und Türen für irgendwelche Leute, unser Leben wird eingeschränkt und niemand hat gefragt, ob wir das eigentlich wollen!
Carline: Ok. Findest du, es sollte eine Volksabstimmung geben? „Flüchtlinge ja/nein?“ Wäre das nicht eine ziemlich verkürzte Frage für ein ziemlich komplexes politisches Problem?
Julian: Aber ich lebe hier. Ich will mitbestimmen wie ich lebe. Ich fühle mich nicht mehr wohl. Gegenüber von unserer Wohnung hat ein Flüchtlingsheim aufgemacht. Zack – ein paar Wochen später brennt der NETTO nebenan. Ich sag jetzt nicht, dass die das waren, aber…
Carline: Aber was?
Julian: Das ist schon ein sehr, sehr komischer Zufall.
Carline: Ok. Möglicherweise ist es kein Zufall.
Julian: Eben!
Carline: Möglicherweise haben ja Anhänger vom rechten Rand den NETTO angezündet, damit es so aussieht, als wären es die Flüchtlinge gewesen. Damit Menschen wie du triumphierend rufen können: „Ich hab es doch gesagt!“
Julian: Das kannst du nicht wissen.
Carline: Nein. Aber du kannst es doch auch nicht wissen!
Julian: Ist ja auch egal, wer es war. Fakt ist: Flüchtlingsheim ist da, Supermarkt brennt.
Carline: Es ist nicht egal. Die Flüchtlinge können vielleicht überhaupt nichts dafür. Und werden trotzdem damit in Verbindung gebracht. Alter, vielleicht war es einfach nur ein Kabelbrand!?

Julian: Du und deine geliebten Flüchtlinge. Die sehen halt alle nicht so aus, als bräuchten sie Hilfe.
Carline: Bitte?
Julian: Die sitzen den ganzen Tag an der Bushaltestelle und saufen sich zu.
Carline: Hahaha. Da kenne ich noch jemanden.
Julian: Das ist was anderes.
Carline: Achso.
Julian: Aber ernsthaft: Was sollen die denn hier? Die können kein Deutsch, arbeiten nicht und jetzt sitzen die hier rum und betrinken sich.
Carline: Die dürfen doch gar nicht arbeiten, selbst wenn sie wollten.
Julian: Aber trinken dürfen sie!?
Carline: Vermutlich würde ich auch anfangen zu trinken, wenn ich mit fremden Menschen auf engstem Raum in einem Heim leben würde. In einem Land, dessen Sprache ich nicht verstehe, mit Leuten, die vor meinem Heim Plakate hochhalten auf denen refugeesNOTwelcome steht. Wenn ich nicht wüsste, wie es morgen weiter geht. Oder übermorgen.
Julian: Ach, und dann würdest du auch gewaltsam werden und dich mit den anderen Leuten in deinem Heim prügeln?
Carline: Ich weiß es nicht Julian. Ich musste glücklicherweise noch nie fliehen. Die Zustände in solchen Heimen sind teilweise katastrophal, ja. Dass es zu Gewalt kommt ist schlimm. Aber das passiert doch nicht, weil da Flüchtlinge sitzen. Das passiert, weil da Menschen sitzen.

Julian: Aber du sagst es doch selbst: Die Zustände sind katastrophal. Da muss man doch jetzt mal die Bremse ziehen und sagen: Grenzen dicht, keine Flüchtlinge mehr.
Carline: Und äh, dann hat sich das Flüchtlingsproblem gelöst?
Julian: Für uns schon, ja.
Carline: Oh. Achso. Ja. Wow.

Julian: Ich will einfach nicht mehr, dass die kommen und unser Land gefährden!
Carline: Unser Land gefährden?
Julian: Es kommen doch jetzt Terroristen mit den Flüchtlingen nach Deutschland!
Carline: Wer sagt denn so was?
Julian: Der IS!!! Der hat gesagt, die schicken jetzt mit den Flüchtlingen Terroristen ins Land!
Carline: Aaah. Ja, wenn der IS das sagt, wird es wohl stimmen.
Julian: Jaja, ich weiß worauf du hinauswillst. Das ist auch wirklich einer der klügsten Sätze, die ich in letzter Zeit gehört habe: „Will der IS, dass wir Flüchtlinge isolieren, um sie so leichter für den IS zu gewinnen?“
Carline: Ach was.
Julian: Jaja, na gut. Aber es könnte trotzdem sein, dass unter den Flüchtlingen Terroristen sind.
Carline: Könnte sein, ja. Ist aber unwahrscheinlich. Der IS investiert unglaublich viel Zeit und Geld in diese Leute. Warum sollten sie es riskieren, dass jemand in einem überfüllten Boot im Mittelmeer untergeht? Dass die Flüchtlingsrouten ein lebensgefährlicher Alptraum sind, hat sich doch inzwischen rumgesprochen.
Julian: Dann setzen sie die Terroristen eben mit gefälschten Pässen in ein Motorboot und die mischen sich dann am Strand unter die Flüchtlinge!
Carline: Julian! Das glaubst du doch selber nicht.
Julian: Fakt ist: Es könnten Terroristen unter den Flüchtlingen sein. Und wenn es nur fünf auf eine Millionen Flüchtlinge sind. Dann will ich eben, dass die eine Million Flüchtlinge draußen bleiben und keine fünf Terroristen in unser Land kommen.

Carline: Ok. Stell dir vor, alle Länder dieser Welt machen ihre Grenzen dicht. Es gibt für Syrer keine Möglichkeit mehr, vor dem IS zu fliehen. Was machen die wohl? Was machen Menschen, um innerhalb eines brutalen Gewaltregimes zu überleben?
Julian: Ah, du meinst, die passen sich dann an und unterstützen den IS?
Carline: Ich meine, es wäre moralisch, menschlich und politisch eine Fehlentscheidung, die Grenzen zu schließen.
Julian: Und warum machen das dann so viele europäische Länder? Nur Deutschland macht sich lächerlich und belastet seine Bürger mit dieser absurden Willkommenskultur.

Carline: Wie sieht denn für dich eine Lösung aus?
Julian: Ich unterstütze Pegida und die AfD. Das sind die einzigen, die die Eier haben, zu sagen, wie es ist und sich wehren und eine echte Lösung suchen.
Carline: Die Lösung ist, Bürger mit rechstpopulistischen Parolen aufzuhetzen? Die Lösung ist, Bürger so lange aufzuhetzen, bis Flüchtlingsheime brennen? Das ist doch keine Lösung, verdammt nochmall!!!
Julian: Ja, da hast du recht. Bei brennenden Heimen – da müssen wir nicht drüber reden. Das ist keine Lösung. Inhaltlich stimme ich aber in vielen Punkten mit denen überein.
Carline: Und eine inhaltliche Übereinstimmung ist es wert, eine Partei zu unterstützen, die auch eine Heimat für Nazis ist?
Julian: Ja.
Carline: Aber eine rechte Macht im Land ist doch viel gefährlicher als alles andere!

Julian: Die AfD will wenigstens nicht, dass ich meine Steuergelder für Leute ausgebe, die nur herkommen, um sich Sozialleistungen zu erschleichen!
Carline: Sagt der Mann, der jahrelang Hartz IV bezogen hat, weil er keinen Bock hatte, zu arbeiten.
Julian: Das war gemein. Touché. Aber jetzt arbeite ich und ich sehe nicht ein, warum die Regierung meine Gelder nimmt, um Flüchtlinge zu unterstützen. Ohne dass ich gefragt wurde.
Carline: Wusstest du, dass der Flughafen BER den Steuerzahler über eine Milliarden Euro kostet?
Julian: Oh. Nein, das wusste ich nicht.
Carline: Wenn es dir um Steuergelder geht, würde ich meine Energie auf andere Dinge konzentrieren.

Julian: Jedenfalls hat Deutschland das mit der Integration noch nie hinbekommen. Es gibt nicht genug Geld und zu wenig Personal. Das ist nicht zu schaffen. Ich habe Angst, dass sich Ghettos bilden und arabische Clans, die unsere Gesellschaft von innen bedrohen.
Carline: Deshalb müssen doch Lösungen gefunden werden. Die Flüchtlinge sind ja jetzt da. Und die AfD ist eher nicht bekannt für ihr ausgefeiltes Integrationsprogramm.
Julian: Aber die wollen die Grenzen dicht machen und ich will das auch. Das sind doch die einzigen, die sich trauen, laut die Wahrheit auszusprechen.
Carline: Laut sind sie, ja. Meinst du wirklich, dass diejenigen, die am lautesten schreien, auch recht haben?
Julian: Ja irgendwie schon. Wer laut ist, hat was zu sagen.
Carline: HEIL HITLER!!!! Entschuldigung.
Julian: Ich bin natürlich kein Nazi. Und ich betrachte das auch alles sehr reflektiert und bilde mir meine eigene Meinung. Lass uns erst mal essen. Frohe Weihnachten, Carlinchen. Schön, dass wir mal wieder Zeit zusammen haben.
Carline: Ja. Super schön. Frohe Weihnachten.

Ich veröffentliche Auszüge aus meinem Weihnachtsdialog, weil sich die wenigsten von uns vorstellen können, wie es ist, ganz in Echt, ganz unironisch und ganz ausführlich mit einem besorgten Bürger zu diskutieren. Wie hilflos man sich fühlt. Wie viel Kraft es kostet, ruhig zu bleiben. Wie schwer es ist, im richtigen Moment die richtigen Argumente zu formulieren. Ich habe es nicht immer geschafft. Aber ich lerne dazu. Allein dieses Gespräch hat mir geholfen. Weil ich nun weiß, an welchen Stellen ich noch besser vorbereitet sein muss. Noch klarer argumentieren muss. Vielleicht hilft es euch auch. Fürs nächste Mal. Denn NICHT zu diskutieren ist für mich keine Option.

Edit: Ich bin nicht alleine: Zerrissen unterm Tannenbaum. Ein Essay im Tagesspiegel.

23 Gedanken zu “„Grenzen dicht! Flüchtlinge raus!”
Mit einem besorgten Bürger unterm Weihnachtsbaum

  1. Liebe Carline,
    Bis ich deinen Text zu Ende las, war mir nicht klar, was die Intention ist. Nun weiß ich es um so besser, Danke!
    Ich weiß nicht, wie viele Gespräche ich dieser Richtung geführt habe und bin dessen so müde… Aber es ist genauso so wichtig wie Integrationsarbeit. Ich danke dir und wünsche ein frohes Fest!
    Steffi

  2. Es ist mühsam, und es hat etwas von Don Quijote Kampf gegen Windmühlen.

    Ich bin sicher, dass sich in diesem Stadium der “Diskussion” kein besorgter Bürger von den Argumenten der anderen Seite überzeugen lassen wird.

    Gauck sprach in seiner Weihnachtsansprache davon, dass solche Diskurse zum normalen demokratischen Geschäft gehören. Mir fällt es immer schwerer, solchen “Vorbehalten” und Ansichten etwas entgegenzusetzen. Nicht deshalb, weil mir die Argumente ausgehen, sondern weil ich mich hilflos fühle wie ein kleiner Junge. So viel Hass war nie, und ich verstehe die abgegebenen dumpfblöden Begründungen überhaupt nicht. Wie will man gegen ein solches Verblödungsbollwerk ankommen?

    Die Lautstärke, in der das Thema innerhalb der Familie und dem Freundeskreis diskutiert wird, wird steigert sich immer mehr. Es ist wirklich kräftezehrend.

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  4. Frohe Weihnachten.
    Ich habe ein ähnliches Problem.
    Arbeite seit 2 Jahren in Hamburgs Flüchtlingsunterkünftren (verschiedensten) und habe dort “Freunde” gefunden und nette Leute kennengelernt.
    Der “Besorgte Bürger” liegt allerdings in meinem Bett.
    Diskussionen habe ich aufgegeben.

  5. Danke, dass Du darüber schreibst und erzählst. Mein Freundeskreis ist zum Glück frei von solchen Äußerungen, dafür nicht das Arbeitsumfeld. Es mach mir zu schaffen. Vielleicht sollte ich doch darüber schreiben.

    Danke nochmals.

  6. Auch schön das Zitat von Volker Pispers, aus seinem Bühnenprogramm:

    “Wer hat denn hier in den letzten 20 jahren auf offener Straße über 100 Menschen erschlagen? Islamisten oder Neo-Nazis? Kommen Sie da spontan drauf oder arbeiten Sie beim Verfassungsschutz?”

  7. Sehr geehrte Frau Mohr,

    Mit Gutmenschenrhetorik versuchen Sie die Probleme des ungezügelten (Wirtschafts-)Migrantenzustroms zu beschönigen, aber wer den Verstand benutzt wird feststellen, dass wir – ohne massive Verwerfungen – diesen ungezügelten Zustrom nicht werden bewältigen können!

    Wir schaffen das nicht, potentiell 5 Milliarden Menschen, denen es schlechter geht als uns, bei uns aufzunehmen! Wenn die anderen Parteien das nicht realisieren, dann wird eben die Nachfrage von der AfD bedient, das ist wie in der sozialen Marktwirtschaft, die doch auch die Axel Springer S.E. befürwortet! Es waere angebracht, die rosarote-Refugee-Welcome-Brille abzunehmen!

    • 5 Milliarden? Geht’s noch eine Nummer größer? Es geht doch gar nicht um Menschen, die generell nicht unseren Wohlstand haben, das sind Leute, die vor Krieg und Zerstörung flüchten. Und das sind glücklicherweise wesentlich weniger als 5 Milliarden (obwohl es immer noch zu viele sind).

      Was Sie hier betreiben, kannte schon der alte Schopenhauer, man nennt das “Arguments-Erweiterung”: “Eine Behauptung wird angreifbar gemacht, indem man ihren Anwendungsbereich unbeschränkt erweitert.”

      Und das ist keine Diskussion, sondern einfach nur Stimmungsmache. Genau das ist es, was mir persönlich das “Diskutieren” so schwer macht, denn genau angeschaut ist es keine Diskussion. Und jedes Mal, wenn ein Diskutant einen solchen rhethorischen Trick, fühle ich mich auf den Arm genommen, weil ich mir denke: “Das macht der jetzt nicht wirklich… hält der mich für blöd, dass ich das nicht merke?”

  8. Ich bin ja auch so eine, die meint: lieber ausdiskutieren als zu einem Thema schweigen. Aber die Abgünde, die sich da auftun, tun schon echt weh. Ich hatte das Vergnügen in der eigenen Familie zum Glück nicht, sondern nur mit Bekannten, aber es schmerzt genauso.

  9. Mal ehrlich wie stellen Sie sich eigentlich vor 1 Millionen und dann nochmals mehrere Millionen Nachzügler erfolgreich hier in D zu intrigieren? Menschen die aus einem total anderen Kulturkreis kommen, die oft eine total gegensätzliche Meinung zu unserem Verständnis von Zusammenleben haben, eine Religion anhängen die nichts mit unseren Werten zu tun hat ja uns als Kufa = Ungläubige bezeichnet und von einem Moslem jederzeit getötet werden darf?? Schon eine schlechte Grundbildung haben ( haben ja nun festgestellt das nicht alle ausgebildete Ing. sind)
    Als einer der fast zwei Jahre in einem Islamischen Land gelebt hat kann ich nur warnen und extremst abraten immer noch mehr Flüchtlinge rein zu holen. Wir werden uns noch die Augen reiben wenn diese Leute mit Hilfe unser liberalen Gesetzgebung uns aus hebeln. Einige Muslimische Verbände sind schon daran dieses zu machen.Keiner von Ihnen der “welcomehomefraktion” noch nicht einmal die Politikerkaste können uns klar machen wie das weiter gehen soll in den nächsten Jahren Konzeptlos treibt dieses Land dahin und wird für den Rest Europas gefährlich.

    • Bin verwirrt:
      “Menschen die aus einem total anderen Kulturkreis kommen, die oft eine total gegensätzliche Meinung zu unserem Verständnis von Zusammenleben haben…”
      “…Schon eine schlechte Grundbildung haben …”
      “noch nicht einmal die Politikerkaste können uns klar machen wie das weiter gehen soll in den nächsten Jahren Konzeptlos treibt dieses Land dahin und wird für den Rest Europas gefährlich.”
      Sie reden eigentlich von Pegida, oder?

  10. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele dieser besorgten Bürger in einer Diskussion einfach auch mal das Zugeständnis brauchen, dass auch wir, die die Flüchtlinge willkommen heißen und gegen jeden Rassismus sind, offene Fragen haben. Es bringt tatsächlich nichts, NUR mit dem Wunsch der Toleranz zu argumentieren. Es ist nun einmal nicht alles rosarot in dieser außergewöhnlichen Situation, so einfach ist es nie wenn Kulturen zusammentreffen und politische Versprechen an ganze Völker gemacht werden. Es geht nur darum, dass wir TROTZDEM die moralische Verpflichtung haben, zu helfen, und dass wir nicht die schlechten Fälle oder einzelne politische(!) Entscheidungen, die wir nicht verstehen, auf das Gros der Flüchtlinge/MENSCHEN abwälzen, die dafür gar nichts können. Man wird diese besorgten Bürger aus dem eigenen sozialen Umfeld wahrscheinlich nicht komplett bekehren. Aber das kleine Zugeständnis hat bei mir eine Ebene geschaffen, auf der mir wenigstens mal zugehört wurde und die sie zumindest dazu gebracht hat, nicht mehr zu sagen: DIE scheiß Flüchtlinge, alle, immer.

  11. Immer, wenn ich sowas lese oder höre, bestätigt sich meine Auffassung, Deutschland ist nach dem 2. Weltkrieg nicht gründlich genug entnazifiziert worden. Die Enkel plappern noch heute die verbitterten Phrasen der Großeltern nach, aus Furcht vor dem Verlust ihrer Pfründe – und ohne dass sie wissen, was Mangel, Leid, Flucht und Krieg wirklich bedeuten. Wer darüber jammert, dass seine Kumpels nicht mehr Fußball spielen können und das bereits als Bedrohung empfindet, sollte mal ganz ausgiebig Innenschau betreiben.

    Die Furcht vor der Überfremdung und Auflösung der eigenen Kultur erinnert mich an den Antisemitismus von einst. Leute, die das lauthals beklagen, sind aber oft nicht einmal in der Lage, überhaupt zu erklären, was das sein soll, deutsche Kultur. Diese Leute argumentieren ja zum Beispiel gern mit Frauenrechten, reflektieren aber selbst ihre sexistische Haltung nicht im Mindesten. Armes Abendland.

    Ich mag nicht mehr diskutieren, auch wenn ich es oft möchte. Gegen den tiefen inneren Wunsch mancher Mitbürger, sich dauernd bedroht und zu kurz gekommen zu fühlen, ist kein Ankommen.

  12. Erst einmal vielen Dank für den Text. Nichts ist in solchen Situationen – und wir kennen sie leider alle – wichtiger, als das Bewusstsein, immerhin nicht allein zu sein.

    Ich gratuliere Dir auch für Dein Rückgrat: “Denn NICHT zu diskutieren ist für mich keine Option.”

    Für mich allerdings sehr wohl. Ich habe das mittlerweile aufgegeben. Das führt schlicht zu nichts.

    Das hat einfach strukturelle Gründe: Fanatiker (und das sind diese Leute, ob sie es wahr haben wollen, oder nicht) bauen ihr Weltbild nicht auf Fakten und der sorgfältigen Abwägung verschiedener Betrachtungsweisen auf. Sondern auf diffuse Gefühle. Und diese werden innerhalb eines Weltbildes immer einen Weg finden, begründet zu werden. Das kann man argumentativ gar nicht angreifen.

    Deshalb bin ich dazu übergegangen, solche Leute allenfalls auszulachen. Das hilft unter Umständen den Menschen, die sich noch kein konsistentes, fremdenfeindliches Weltbild gebildet haben. Aber es hilft vor allem mir.

    Wenn es mir wirklich wichtig ist (und damit meine ich die besagten u.U. unentschiedenen Zuhörer), dann greife ich diese Argumentationsmuster ausschließlich strukturell an. Und das ist auch das einzige was vielleicht helfen kann. Bei Deinem Beispiel: Behauptungen müssen nicht widerlegt werden sondern zunächst mal selber belegt werden. Wo ist denn (heute oder in der Geschichte) die für Einflüsse von außen offene Gesellschaft, die daran mittel- und langfristig zugrunde gegangen ist? Jetzt mal im Gegensatz zu den vielen Gegenbeispielen erfolgreicher Handelsnationen in der Geschichte? Wo sind die Belege, dass seine geflüchteten Nachbarn den Netto angezündet haben? Wo sind die Indizien, unter den auf engsten Raum in großer Zahl eingepferchten Geflüchteten seien Gewaltdelikte häufiger als auf engsten Raum in großer Zahl eingepferchten Nicht-Geflüchteten in, sagen wir mal, Fußball-Stadien? Und wenn er so gerne Schwächeren ein Grund- und Menschenrecht wie das auf Asyl zugunsten seines eigenen Komforts absprechen will (kann man ja drüber diskutieren), wie steht er eigentlich dazu, wenn ich ihm als Schwächeren eines seiner Grund- und Menschenrechte abspreche? Um das nicht zu hoch zu hängen: Wie wäre es mit Eigentum? Er ist dann bestimmt genauso begeistert, wenn ich ihm zugunsten meines Komforts sein Auto wegnehme?

    Apropos Auto: Wenn man mal nachfragt, dann stehen Leute, die große Reden schwingen über Ausländer, die sich nicht an die hier herrschenden Regeln halten können, auf Nachfrage während dieser Äußerungen verblüffend oft im Parkverbot. Oder haben sich auf dem Weg zum Ort des Redenschwingens irgendwo nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung gehalten. Und die letzte Fahrt auf “waren höchstens drei Bierchen” ist meist auch nicht so wahnsinnig lange her.

    Aber wie gesagt: Das ist mir in aller Regel zu mühsam. Meistens hinterlege ich maximal einen blöden Spruch und bewege mich ansonsten woanders hin. Weil ich meine Umgebung nicht freiwillig mit solchen Leuten vergiften möchte.

    Und selbst dort, wo ich dazu gezwungen bin (Kollegen, Familienmitglieder) mache ich zwar immer mit einer einzigen scharfen Bemerkung klar, anderer Meinung zu sein (sonst ist Schweigen Zustimmung), halte ansonsten aber die Klappe und denke mir meinen Teil. Weil mir das ernsthaft zu anstrengend und zu fruchtlos ist.

    So bin ich. Ich gönne Dir natürlich, wenn Du weiterhin die Kraft für solche Gespräche hast. Ich habe sie nicht.

    Eines sollten einem allerdings bei allen Bemühungen – wenn man sie denn investiert – immer bewusst sein: Irrationale Fremdenfeindlichkeit ist ein im höchsten Maße menschliches Gefühl. Das jedem Menschen eigen ist. So ehrlich sollte man auch zu sich selber sein. Dann kann man auch von seinen Mitmenschen die kognitive Leistung abverlangen, aus diesem irrationalen Gefühl keine Schlussfolgerungen für staatliches Handeln ableiten zu wollen.

    [Diese Meinung kann Meinungen anderer Menschen (wie v.a. Holger Klein) enthalten, die ich als sinnvoll für mich übernommen habe]

  13. In vielen Fällen entscheidet der Blickwinkel über das persönliche Empfinden. Würden mich die Flüchtlinge stören, wenn sie alle gut untergebracht, versorgt und unauffällig wären? Kaum.
    Was stört mich? Die Gewalt, das Ohnmachtsgefühl in den Regionen, die wirklich mit Hilfesuchenden überflutet werden. Ist das die Schuld der Flüchtlinge? Kaum, die Aufgabe einer Regierung müsste es sein ihr Land durch schwierige Momente zu geleiten und Lösungen zu präsentieren, die gerne auch außerhalb der bisherigen Vorstellungen liegen.
    Der Flughafen ist einer der Indikatoren – unsere Regierung regiert nicht, sie tritt nicht stark in Erscheinung sondern zeigt sich ohnmächtig und uninspiriert.
    AfD oder Pegida, CDU oder SPD, Grüne oder FDP? Ich kann nirgendwo einen Lösungsansatz erkennen.
    Ist so ein wenig wie die Frage mit welchem Gummibärchen man den Nagel in die Wand schlagen will, dem weißen, dem grünen, dem roten oder dem gelben.

  14. Ich denke in vielen Punkten ähnlich wie Julian. Und Deine Argumente sind auch einfach schwach. Ihr „Gutmenschen“ (wenn ich ein „besorgter Bürger“ bin, dann darf ich euch auch so betiteln) solltet nicht immer nur den EINZELNEN Menschen anhand der Familie mit Kindern sehen, die sie schön vor jede Kamera ziehen. Wenn euch wirklich daran gelegen ist, dass ihr uns versteht, dann solltet ihr die Masse sehen mit ihrer religiösen, kulturellen Prägung. Diese MASSE an Menschen ist es, die unser Leben beeinträchtigen wird. Deutschland hat vor der Flüchtlingswelle schon keine gute Integration mit den bisherigen Migranten aus arabischen und islamischen Kulturkreisen geschafft (klar, es gibt Ausnahmen und das ist gut, aber es ist eben nicht so fast flächendeckend gelungen wie mit europäisch-stämmigen Migranten), weil dem mMn oft unvereinbare Kulturen und Werte sowie fehlender Integrationswille entgegenstehen. Wir werden das auch in Zukunft nicht hinkriegen, man kann Menschen nicht umerziehen, sobald sie über eine Grenze treten. Schon gar nicht, wenn sie alle auf einen Schlag kommen. Und unsere Regierung tut nichts für die Integration in Deutschland, außer ein bisschen Kohle zur Verfügung zu stellen an völlig überforderte Länder und Gemeinden. Geld, das bisher für die Bevölkerung nicht vorhanden war, aber nun plötzlich? Es wird nicht genug sein, den Rest zahlen wir (jetzt schon, siehe höhere Kosten KV).

    Doch eigentlich müsste unsere ach so humanitäre Regierung auch neue Gesetze schaffen bzw. bestehende ändern, u.a. damit Flüchtlinge früher in den Arbeitsmarkt dürfen. Damit einige von ihnen überhaupt den Hauch einer Chance haben auf das bessere Leben, was sie sich erträumen, wenn sie zu uns kommen. Aber es geschieht nichts! Nichts, keine Konzepte fürs Integration, nur hohle Debatten und Diffamierung gegen diejenigen, die diese Hilflosigkeit und Verhalten der Regierung kritisieren. Ach ja, und sie schicken unsere paar Soldaten auch noch in einen Krieg und verbünden sich mit zwielichtigen Staatsoberhäuptern, die Menschenrechte missachten. Soldaten, die wir vllt. bald selbst brauchen zur Verteidigung der eigenen Sicherheit oder zur Unterstützung der Polizei.

    Offizielle Medien berichteten kürzlich, dass 70% der Flüchtlinge erwerbsfähig sind, davon allerdings nur 10% in den kommenden 5-10 Jahren in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Jetzt heißt es lt. IAB die Hälfte der Flüchtlinge hat erst nach 5 Jahren einen Job – angelehnt an die bisherigen Erfahrungen. Welche der Studien man jetzt auch nimmt, es wird viele „Verlierer“ unter den Flüchtlingen geben, die sich auch genauso fühlen werden und trotzdem in Deutschland leben wollen. Wo es Verlierer gibt, ist die Kriminalität nicht weit und das ist es, wovor die Leute Angst haben, auch ich. Ich fürchte um meine Sicherheit in Zukunft. Dass es bereits jetzt schon Kriminalität gibt, ist auch nicht vom Tisch zu wischen, dass wir IS-Schläfer im Land haben ebenfalls nicht – und der Flüchtlingsstrom wird die Probleme nur verschärfen. Wir zahlen dafür, in jeder Form. Wenn Dir das gefällt und auch den anderen Kommentatoren hier, dann habt ihr es auch nicht besser verdient.

    Nichtsdestotrotz finde ich Deinen Artikel gut. Er zeigt mir und denen, die wie ich denken, wie rosarot Eure Einstellung ist, wie arm an Argumenten. Wer bis zur Selbstaufgabe nur mit dem Herzen denkt, wird zum Opfer. Volkswirtschaften und Staaten werden nicht von Herzenswärme angetrieben, das scheint ihr alle irgendwie zu vergessen. Ich habe keine Lust, wegen Euch und Eurer Verblendung auch zum Opfer zu werden. Alles nur, weil ihr nicht bereit seid in einem größeren Zusammenhang zu denken.

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  16. Liebe Carline,

    vielen Dank für deinen Post! Ich bin heute zufällig auf deinen Blog gestossen und dieser erste Post hat ziemlich genau beschrieben wie viele Diskussionen in letzter Zeit verlaufen sind.
    Letzte Woche hat ein Rentner beim Bäcker (nachdem er keine Argumente vorbringen konnte) zu mir gesagt “Ich hoffe Sie werden auch vergewaltigt, dann werden Sie anders über Flüchtlinge denken”, diese Aussage hat mich ziemlich getroffen und ich frage mich immer noch was für ein Mensch sowas sagt.

    Aber dein Post hat mir Mut gemacht und es ist schön zu wissen, das andere genauso denken. Vielen Dank dafür. Ich wünsche mir für uns, dass wir uns nicht unterkriegen lassen!

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