Ohne Navi – Lost in Brandenburg

In der Zeit, die ich damit verbracht habe, mich restlos zu verfahren, hätte ich es locker einmal von Berlin nach München geschafft. Zu Fuß. Mein guter Freund Henning sagt immer: „Carlinchen, machen wir uns nichts vor. Dein Orientierungssinn geht von hier bis zur nächsten Wand.“ Das stimmt leider. Und leider gehört das auch zu den Dingen, die man durch pures Wollen nicht ändern kann. Ist wie mit Rhythmusgefühl oder gutem Geschmack – hat man oder hat man nicht. Weiterlesen

Warum mein Vater lieber über Autos als über Frauen redet

„Ein echtes Prachtstück!"

„Ein echtes Prachtstück!”

Mein Vater ist 1937 in West-Berlin geboren. Kurz nachdem die letzten Bomben auf die Stadt fielen, hat er seine Ausbildung als Kfz-Mechaniker begonnen. Er war einige Male verheiratet und hat sich noch öfter das Herz brechen lassen. Und er hat so ziemlich jedes Auto gefahren, bei dem ein Mann Gänsehaut bekommt.

Den größten Gefallen, den man meinem Vater machen kann: auf ein vergilbtes Foto an der Wand zeigen und fragen: „Was ist das noch mal für ein Auto?“ Dann zündet mein Vater sich mit glänzenden Augen eine Zigarette an und beginnt mit den Worten: „Das war ein echtes Prachtstück …”

Am liebsten erzählt er die Geschichte von dem Adler Trumpf Junior, der ihm Mitte der 50er bei der Eroberung dieser blonden Zahnarzthelferin helfen sollte („auch so ein Prachtstück“). Doch nur wenige Meter hinter der Vorstadtvilla ihrer Eltern, die strengen Blickes auf dem Balkon stehen, kracht der Adler zusammen. Achsenbruch.

Der Unterboden knallt auf die Straße, die Räder klappen nach außen. Mein Vater lacht. Das Ding hätte genauso gut brennend in einen Abgrund rollen können, an dessen Ende eine Dynamitfabrik steht. „Nüscht zu machen.“ Die Blonde aber klatscht in ihre zarten Zahnarzthelferinnenhände und flötet: „Jetzt mach doch was! Du hast das doch gelernt?!“ Es ist nie was geworden aus den beiden.

An den Nachnamen der Dame erinnert sich mein Vater nicht mehr so genau. Aber dass der Trumpf vorne Blattfedern und hinten Torsionsstäbe hatte, das weiß er noch. Das Gute an Autos ist, dass man an fast jedem Motor so lange herumschrauben kann, bis er wieder anspringt. Hat man einmal durchschaut, wie es funktioniert, kann man das winzigste Schräubchen mit geschickten Händen wieder festziehen. Bei Frauen sind diese Schräubchen nicht so leicht zu finden. Und im Gegensatz zu einem Auto kann man eine Frau nicht mit einer verschlossenen Garagentür davon abhalten,  einfach zu verschwinden.

Die Kapitelüberschriften in der Lebensgeschichte meines Vaters tragen die Namen großer Autos: Opel Olympia, BMW 503, Opel Kapitän, Mercedes 280 SE. Beim Staubwischen fällt mir das verblichene Passbild einer jungen Frau entgegen. Wer das ist? Mein Vater zündet sich eine Zigarette an. „Hm“, sagt er. „Da muss ich überlegen. Aber ich weiß noch, mit welchem Auto ich sie das erste Mal abgeholt habe. Ein echtes Prachtstück …“

Foto: Anja Bleyl