„Ich verfluche den Tag, an dem Du geboren wurdest!”

Über die perfekten Sätze für Exfreunde, Mathelehrer
und den Typ, der nie zurück gerufen hat

 

Bonbon-Gedanken

Bonbon-Gedanken (Foto:Anja Bleyl)

Ich suche ziemlich oft meine Schlüssel. Noch öfter durchwühle ich diverse Taschen nach Haarklammern und auf der Suche nach meinem Labello lege ich mehr Kilometer zurück, als der Papst auf seiner Miles-and-more-Karte hat.
Aber am allermeisten Zeit verbringe ich mit der Suche nach dem perfekten Satz. Manchmal hat man nur diesen einen Satz. Um jemanden zu überzeugen und zu beeindrucken. Oder um jemanden bis ins Letzte zu treffen, zu verletzen, zu erschüttern.
Mathelehrer sind so Menschen. Exfreunde. Zu seelenlosen Hexen mutierte Freundinnen. Unerfüllte Lieben. Und meist bekommt man nur eine Chance, um dem anderen sein selbstgezimmertes Weltbild mit ein paar gezielten Worten direkt ans Herz zu nageln.

„ Äh. Hrmpf.“

Schlecht, wenn man im entscheidenden Moment nur  ”Hrmpf.“ herausbringt. Oder totalen Blödsinn redet, wie meine Freundin Julia. Sie traf auf einer Party unerwartet den Typ, der sie nie zurück gerufen hatte. Panisch  haspelte sie drauf los: „Moment, ich geh mir nur kurz die Füße waschen. Äh, die Haare. Zähne. Hände natürlich! Ach egal, IRGENDWAS HALT, Du blöde Penisnase!!“
Nie was geworden aus den beiden.

Charlotte dagegen hat lange über den perfekten Satz für ein Arschloch namens John nachgedacht. Sie wollte das gebrochene Herz ihrer Freundin Carrie rächen, sollte sie John eines Tages zufällig begegnen.

Charlotte

Sex And The City – Der Film

Sie schreit ihren Satz Monate später. Auf offener Straße, bebend vor Wut:
„ICH VERFLUCHE DEN TAG AN DEM DU GEBOREN WURDEST!!!“
(Dann platzt ihre übervolle Fruchtblase, das Babywasser versaut Johns gute Lederschuhe, er fährt Charlotte ins Krankenhaus und heiratet Carrie am Ende doch.)

Manchmal liegt in einem einzigen Satz eine ganze Welt. Wut, Enttäuschung, Reue, Vorwurf, Endgültigkeit.

Weltbilder im Seelensperrmüll

Eine beneidenswerte Punktlandung. Freilich: Ich bin auch gut im Sätze finden. Ständig murmle ich grenzdebil eifrig vor mich hin. Schiebe Sätze wie Bonbons im Mund herum, probiere verschiedene Formen und Geschmäcker aus, lutsche die Kanten ab, bis sie sich glatt und perfekt anfühlen. Manchmal werden die Sätze süß wie Himbeer-Vanille-Drops, manchmal scharf und ungenießbar wie Fisherments mit Tabasco-Kern und Senf-Kruste.

Das Problem: Meine Freundin Julia habe ich mir nur ausgedacht. Julia bin in Wirklichkeit ich selbst. Im entscheidenden Moment stoße ich nämlich die Gläser mit den hübschen Bonbon-Sätzen in meinem Kopfregal um. Alles wirbelt durcheinander, ich erzähle Quatsch und mein Weltbild landet klappernd im Seelensperrmüll.

Es ist trotzdem gut, diese Sätze zu haben. Wenn man sie oft genug übt, hat man im entscheidenden Moment vielleicht gar keine Lust mehr, sie wirklich auszusprechen. Weil man genau weiß, wie alles kommen wird. Dann kann ein Schweigen größer sein als jede Welt. Und kaum ein Bonbon-Satz ist so perfekt, wie das Gefühl, dass der andere gerade verzweifelt selbst nach einem sucht.
Dann kann man endlich mal die Klappe halten und sich in Ruhe die Füße waschen.

Foto: Anja Bleyl

3 Gedanken zu “„Ich verfluche den Tag, an dem Du geboren wurdest!”

  1. Oh, ja, die Bonbonsätze von Carline. Eine Sternstunde im Jahr 2007, Adressat Mama: “Haben wir (sie schreibt wir!) Geld, meine Studiengebühren zu überweisen? Schicke Dir jetzt einfach mal guter Hoffnung die Bankverbindung.”

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