Blowing In The Wind

Servus Berlin. Bist Du mein großer Sturm? 

„Hallo, ich verkaufe den Wind“, sagt der großnasige Mann auf einer einsamen Gasse irgendwo in Neukölln. Die Kopfsteinpflaster glänzen nach dem Regen wie angeleckte Lakritzbonbons.

Er streckt mir ein kleines Päckchen entgegen. Es misst nicht größer als zwei aufeinanderliegende Zigarettenschachteln und ist sorgfältig mit Zeitungspapier umwickelt. „Und da hat der ganze Wind reingepasst?“ will ich wissen. Der Mann lächelt. Natürlich nicht der ganze Wind.

Drachenflug

In diesem Päckchen sei eine kräftige Oktoberböe vom Tempelhofer Feld. Dort, wo die leuchtenden Drachen die kürzeste Verbindung zum Himmel sind. Sie riecht nach bunten Blättern, dem letzten schönen Herbsttag. Sie riecht wie endlich-nach-Hause-wollen, wenn der lange, freie Sommer endgültig vorüber ist. Es ist diese eine Böe, die den Drachen hoch in den Himmel reißt. Genau die richtige Menge, um sich den Kopf frei zu pusten, erklärt er. Der Windmann heißt Bob und verlangt 1,50 Euro für sein Paketchen echten Berliner Wind.

Der echte Berliner Wind. Er reißt den Rock hoch, wenn man auf der U-Bahntreppe ins Freie läuft. Er wirbelt die Asche in den Milchschaum, wenn man zum Kaffee eine Zigarette raucht. Im Sommer pustet er Frische auf sonnenheiße Nasen und im Winter drückt er sich einem entgegen wie eine eisige Wand. Kriecht durch den dicksten Mantel bis er in die winterweiche Haut beißen kann.

Der echte Berliner Wind

Bob öffnet seinen dunkelgrünen Seesack mit den fransigen Aufnähern. Zieht eine andere Schachtel hervor. Sie ist kleiner als die Oktoberböe. Ein Hauch von Mai, sagt Bob. Dieser Wind riecht kindheitssüß und unschuldig, wie feuchtes Gras unter nackten Füßen. Er riecht nach Platzen vor Glück und losrennen wollen, die ganze Nacht tanzen und den ersten Sonnenaufgang des Jahres im T-Shirt bestaunen können. Genau die richtige Menge, um Mut zu sammeln.

Drachenflug

© Mama

Menschen, die neu oder nur zu Besuch in der großen Stadt sind, reagieren überrascht, wenn ihnen plötzlich der echte Berliner Wind um die Ohren pfeift. Es gibt ihn so nicht in Bayern oder in Hessen, im Rheinland oder in der Pfalz.
Es ist diese Art Wind, die eigentlich ein bisschen nach Salz schmecken sollte. Weil das Meer gleich dahinten ist. Dabei ist da nur Berlin. Und noch mehr Berlin. Dieser Wind ist wie Küstenwind, nur ohne Küste.


Der große Sturm

Berlin ist die Stadt der großen Stürme. Und man weiß nie, ob sie einen zum Kentern bringen oder zum Fliegen. Bob mustert mich. „Ich habe genau den richtigen Wind für dich“, sagt er schließlich und zaubert ein letztes Paket aus seinem Sack. Es ist mit extra viel Klebeband umwickelt.
Da drin ist der U-Bahn-Wind. Dieser saugende Stoß, den eine einfahrende U-Bahn hinter sich her zieht. Er riecht nach Menschen, nach Dunkelheit. Nach Verborgenem, aber auch nach Licht am Ende des Tunnels. In diesem Wind wirbeln die unerzählten Geschichten, sagt Bob.

Ich nehme das Päckchen und laufe vorsichtig los, über die lakritzenen Kopfsteinpflaster Richtung Zuhause. „Und vergiss nicht”, ruft der Windmann mir noch nach, „die Antwort…”

Jaja, ich weiß schon, Bob. The Answer Is Blowing In The Wind.

Ein Gedanke zu “Blowing In The Wind

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