Servus Berlin, was ist das Problem mit deinem Nahverkehr?

Das gelbe Übel

Das gelbe Übel (Foto: Anja Bleyl)

Die S-Bahn

In der Zeit, die ich durch den Berliner Nahverkehr verloren habe, hätte ich auch den Taxischein machen können. Oder ein Flugzeug bauen. Oder einen Tunnel durch ganz Berlin graben, in dem man auf niedlichen Mauleseln an sein Ziel reiten könnte.
In meiner schlimmsten Rachephantasie hängt der verantwortliche Verkehrsminister derweil mit dem Kopf nach unten von einer defekten Oberleitung und muss hundert Mal den Satz „Wir wollen keine Stellwerkstörung!“ auf seine private Facebook-Pinnwand schreiben.

Nur, was hilft die schönste Rachephantasie, wenn die S-Bahn halt einfach wieder nicht kommt? Der „Straßenfeger“-Verkäufer ist auch genervt. Klar. Wie soll man sich an geregelte Arbeitszeiten gewöhnen, wenn das Büro quasi die Bahn ist und die dauernd zu spät oder gar nicht kommt? Ich schlage ihm eine Doppelseite über die blödesten Ausreden der BVG vor und spendiere uns einen Schnaps. Ein guter, wenn nicht sogar der beste Grund, warum man in Berlin sein Auto stehen lassen sollte.

Die U-Bahn

Bahnwowi

Foto: Anja Bleyl

Dann marschiere ich zur nächsten U-Bahn. Geht ja auch. Denkt man sich, ganz frohgemuter Neuberliner. Blöde Idee. Ein Schild vermeldet: „Schienenersatzverkehr“.
Ich glaube ja, es sind schon komplette Familien für immer im Berliner Untergrund verschwunden, auf der Suche nach dem Schienenersatzverkehr. Es scheint der BVG ein heiliges Anliegen zu sein, ihre Hinweise verschlüsselt, verborgen oder gar nicht anzubringen. So nach dem Motto: „Wennste dir nüscht auskennst, biste selba schuld.“

Deshalb nehme ich – das habe ich mir bei echten Berlinern abgeguckt – die erstbeste U-Bahn, die zumindest nicht völlig in die entgegengesetzte Richtung meines eigentlichen Ziels fährt. Schön gelb ist die. Und die Sitze sind irre bunt gemustert. Wenn man die lange genug anstarrt und seine Augen auf „unendlich stellt“, erscheint übrigens Klaus Wowereit auf der Rückenlehne und grinst. Vielleicht liegts aber auch am Schnaps.

Die Straßenbahn

Ich höre auf, die Sitze zu fixieren und versuche herauszufinden, wo wir gerade anhalten. Gar nicht so einfach, wenn man die Ansage verpasst hat. Irgendein lokalpatriotisch verkappter U-Bahnwagenfenster-Designer hat nämlich das Brandenburger Tor kreuz und quer über die Scheiben gedruckt. Versucht ihr mal durch die blickdichten Säulen zu erkennen, ob ihr gerade am Hermannplatz, am Humboldthain oder doch schon in Ostbrandenburg gelandet seid.

Mal ganz davon abgesehen, dass es keinen seriösen Eindruck macht, wenn man mit wirrem Blick durch seinen eigenen Make-Up-Fettfleck auf der Scheibe starrt und beim unerwarteten Anblick eines Vorgesetzten auf dem Bahnsteig brüllt: „Herr Müller, wo bin ich, wo bin ich?!?!?“

Die Sache mit der Straßenbahn

Quelle: “Notes of Berlin”

Ich rufe bei der Arbeit an und sage, dass ich später zur Abendschicht komme. Müller ist ja auch noch nicht da. Meine letzte Hoffnung setze ich auf die Straßenbahn. Erschöpft studiere ich die Anzeigetafel. Da steht: „Kein Straßenbahnverkehr! Grund: Feierlichkeiten zum Sieg gegen Portugal!“

Ich gebe auf. Ich werde nach Ostbrandenburg ziehen, den Straßenfeger-Verkäufer heiraten und ein beschauliches Leben auf unserer kleinen Maultierfarm führen.


Kabarettist Rolf Kuhl

Kabarettist Rolf Kuhl

Die Lieblingsrolle des Berliner Kabarettisten Rolf Kuhl: Kontrolleur der BVG. Er schlägt vor:

“Hören wir endlich mit den halben Sachen auf: Nicht nur Fahrscheinautomaten aufstellen, sondern auch Autopiloten statt Busfahrer einsetzen, die S-Bahn auf Museumsbetrieb umstellen, Hartz-IV-Empfänger als Rikscha-Kulis ausbilden, den fahrgastfreien Nahverkehr bis 2016 als Schuldenbremse durchsetzen und das Kürzel BVG steht dann dafür, was heute schon viele vermuten:
Bin Vorsichtshalber Geloofen.”


Dieser Blogeintrag ist als Kolumne in der Welt Kompakt erschienen.

2 Gedanken zu “Servus Berlin, was ist das Problem mit deinem Nahverkehr?

  1. In der Sat.1-Krimiserie “Der letzte Bulle” brachte Henning Baum einmal sinngemäß den Spruch: “Der Mensch sollte sich so fortbewegen, wie Gott ihn geschaffen hat: mit dem Auto”. Ich beschränke meine Teilnahme am öffentlichen Nahverkehr auf die Tage, an denen mein Auto zur Inspektion in die Werkstatt muss.

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