Servus Berlin, bist du wirklich arm, aber sexy?

Willst Du viel...

Willst Du viel… (Foto: Anja Bleyl)

Ist es sexy, manchmal schmutzig zu sein?

Wann habt ihr eigentlich das letzte Mal ein Stück olivgrüne Billig-Handseife mit der Käsereibe in die Waschmaschine gehobelt? Weil ihr keinen Cent für Vollwaschmittel übrig hattet? Ehrlich gesagt: Ich musste sogar mal die Seife aus der Kneipe nebenan klauen. Weil ich so pleite war. 

Ist das jetzt sexy? Bedingt, würde ich sagen. Einerseits roch meine Kleidung damals impertinent nach nativem Olivenöl extra robusto. Andererseits: Ich liebe verrückte Anekdoten.

Berlin gilt als Mutterstadt für schmutzige und schräge Anekdoten. Deshalb kommen sehnsuchtsvolle Menschen hierher. Sie wollen keine perwollweiche Geborgenheit, keine fleckentief gereinigte Perfektion. Sie wollen die Geschichten. Den Geruch nach Erlebtem. „Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin.“ Sagte schon der Komponist Frank von Suppé.

Sind Narben sexy?

Steigt man in München an einer schicken Haltestelle wie dem Marienplatz aus, ertönt vom Glockenspiel des Rathauses das brahmsche Wiegenlied. Beim Bäckermeister gegenüber gibt es knusprige Butterbrezn.

Ansage.

Ansage. (Foto: Anja Bleyl)

Hält man in Berlin in einer ruppigen Gegend wie der Warschauer Straße, schreit ein Graffiti auf einem Dach jenseits der Brücke in meterhohen Buchstaben: „Deutschland verrecke!“. Ein paar Schritte weiter gibt es Currywurst mit Pommes, und der bettelnde Punk spielt Rio Reiser auf der Gitarre.

Da, wo Berlin nicht schick und repräsentativ sein muss, kokettiert die Stadt mit ihrer Rauheit, ihrer Trostlosigkeit, ihren Provisorien. Die Einschusslöcher des Zweiten Weltkrieges in den Hausmauern werden noch immer mit Würde getragen. Und die Menschen verbergen ihre Narben nicht. Berlin lockt als Heimat für die Heimatlosen. Für die Kaputten. Für die, die sich hässlich fühlen. „Ich verstehe dich“, scheint die Stadt zu flüstern.

Ist es sexy, sich zu nehmen, was man will?

Was Berlin wohl niemals zärtlich flüstern würde: „Gefällt dir das?“ Berlin knurrt eher: „Halt endlich die Klappe. Du willst es doch auch.“ Illegale Clubs, besetzte Häuser, Drogen, Anarchie – Berlin nimmt sich, was es braucht. Projekte statt Jobs und Ratlosigkeit, die das abgewetzte Mäntelchen Selbstverwirklichung tragen. Überall Menschen, die es hier irgendwie „schaffen wollen“. Bad Boy Berlin hat traurige Augen.

Aber du kannst nicht einfach nach Hause gehen, denn Berlin ist kein One-night-Stand. Berlin ist diese Hass-Liebe, die dich immer wieder einfängt, loslässt, sich aufdrängt, dir die kalte Schulter zeigt. Manchmal bist du nicht ganz sicher, ob es dir gefällt. Spielt auch keine Rolle, weiß Peter Fox: „Doch die Sonne geht gerade auf. Und ich weiß, ob ich will oder nicht, dass ich dich zum Atmen brauch.“ Guten Morgen Berlin.

Ist es wirklich sexy, zu hoffen?

Foto: Aina Climent

Foto: Aina Climent

Berlin kann wie eine Wand sein. Man kommt her und hofft auf die Geschichten. Man hofft darauf, dass die Narben heilen, dass man frei ist und am Ende etwas findet. Und knallt gegen eine Wand. Die Einschusslöcher zielen auf dein Herz. Man müsste auf Zehenspitzen durch die Straßen der großen Stadt schleichen, um sich nicht zu schneiden an den Scherben der zerbrochenen Träume. Die kann auch Berlin nicht heilen.

Und ganz heimlich wünscht man sich hin und wieder eine frische Butterbreze. Oder eine große  Flasche Vollwaschmittel.


„Suspended in Gaffa“

„Suspended in Gaffa“

Es antworten Nadine Vollstädt & Martin Mai von Berlinfabrik, Kunst, Mode und Bier aus Downtown Neukölln: „Mit Berlin ist es manchmal wie mit deinem alten Lieblingsshirt. Es hat Flecken, die nie ganz rausgehen, Brandlöcher, die dich an wilde Nächte erinnern. Es gibt kein schickes Label im Kragen, kein Markenlogo auf der Brusttasche. Und trotzdem trägst du es mit Stolz. Denn wenn du es anhast, fühlst du dich unglaublich sexy.” 


Fotos: Anja Bleyl. Dieser Blogeintrag ist als Kolumne in der Welt Kompakt erschienen.

3 Gedanken zu “Servus Berlin, bist du wirklich arm, aber sexy?

  1. Wundervoll geschrieben! Ich habe den Sommer über in dieser Stadt (oder sollte ich sagen: diesem Universum? diesem Individuum?) gewohnt und sie wird mich nie mehr loslassen. Ich vermisse das dicke, fette, schmutzige, fantastische B!

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