Servus Berlin, wie kannst du meine Heimat werden?


Warten auf den Fährmann

Warten auf den Fährmann

Heimat ist, wenn dir die Orte in den lokalen Staunachrichten vage bekannt vorkommen. Und du dir vornimmst, eines Tages mal bei Lichterfelde-Ost abzufahren und einen Kaffee zu trinken.

Ich habe mir ein Digitalradio gekauft. Als gebürtige Rheinländerin macht es mich froh, beim Duschen die Staunachrichten auf WDR 2 zu hören: „Auf der A Neununfuffzich zwischen Wahnheide und Porz: fümpf Kilometer Stau.“

Berlin aber verwirrt mich. Diese Stadt ist keine Insel, auf der du irgendwann den Überblick bekommst. Berlin, das sind unzählige Eilande, die schneller untergehen, als du deine Gummistiefel anziehen kannst. Wenn es stimmt, was Goethe sagt, und jeder Tag eine Reise ist, dann sitzt du in Berlin die ganze Zeit auf der Fähre.

Heimat heißt, alle Saisonsalate in deinem Lieblingscafé auswendig zu kennen. Und dann doch jedes Mal die Schinkennudeln zu bestellen, weil du so einen Kater hast.

Ich wohne in der Sonnenallee, Neukölln. Hier kämpfen arabische Brautmoden gegen Hippiestrick von Modebloggerinnen aus Baden-Württemberg. Döner gegen Donuts. Ghetto gegen Gentrifizierung. Das Ergebnis: Stolz entdeckte Eilande verschwinden schneller als ein Teller Schinkennudeln.

Auf dem Trockenen!

Auf dem Trockenen!

Mein einstiges Lieblingscafé heißt jetzt „Copy Cabana“ und füllt Druckerpatronen auf – ich glaube, mit den alten Salatdressings. Und in der früher so zauberhaften Kneipe, die keiner kannte, bestellen plötzlich alle Moskow Mule, tragen diese Brillen und finden ditte so „real“ hier. Der Fährmann ist ratlos. Ich auch. Wo finde ich jetzt Freunde, die Bier trinken und Kontaktlinsen tragen?

Heimat heißt, nicht sofort an die GEZ zu denken, wenn es an der Tür klingelt. Und dann ist sie es doch.

Ich würde mich gerne in Berlin zu Hause fühlen. Aber das wollen viele andere auch. Es müsste mehr von denen geben, die längst hier zu Hause sind. Menschen, die bei mir an der Tür klingeln, weil sie spontan spazieren gehen wollen. Oder mir Gummistiefel vorbeibringen. Menschen, die schon mehr gefunden haben, als sie suchen. Vielleicht frage ich mal den Mann von der GEZ, ob er ein Bier mit mir trinken geht?

Heimat heißt, dem nervigen Raben auf der Tanne vor dem Fenster einen Namen zu geben. Und dem Penner an der Ecke jeden Morgen den Sportteil der Zeitung.

In Neukölln hat jemand mein Fahrradkörbchen geklaut. Die WELT darin aber nicht. Der Dieb hat sie sorgfältig wieder auf den Gepäckträger geklemmt. Jetzt traue ich mich nicht, sie dem bettelnden Punk an der Ecke anzubieten.

Keep smiling

Keep smiling

In der Sonnenallee gibt es auf dem Dach gegenüber keine Raben, sondern eine Satellitenschüssel. Mit einem aufgemalten Smilie-Gesicht, das weint. An guten Tagen sage ich ihm zum Trost Heimatgedichte von Heinrich Heine auf. An schlechten Tagen singe ich Pieppiep, kleiner Satellit von Blümchen und versuche, meine Weinflaschen vom Balkon aus in die Altglastonne zu werfen.

Heimat heißt, die nette Nachbarin mitten in der Nacht um Kondome anzuschnorren. Und dein Freund haut ihrem Freund bei der nächsten Begegnung im Treppenhaus anerkennend auf die Schulter und sagt: „XXL Alter, nicht schlecht.“

Heimat funktioniert wie eine Beziehung. Da sind diese niedlichen Rituale, die sonst niemand versteht. Die absurden Anekdoten, die man nur im Dunklen erzählt. Und die Kleinigkeiten, die dir erst auffallen, wenn sie nicht mehr da sind. Berlin und ich haben eher eine unverbindliche Affäre. Meistens siezen wir uns noch.

Heimat und Heimatlosigkeit liegen nah beieinander. 

Hat Heine mal irgendwo geschrieben. Vielleicht meinte er, dass das Bild von Heimat umso schärfer wird, je weiter man von ihr entfernt ist? Vielleicht meinte Heine aber auch nur, dass man einen neuen Radiosender ausprobieren sollte, wenn man umzieht. Beherzt schalte ich radioeins ein. Und der Staumoderator sagt: „Die Straßen sind frei, kommen Sie gut heim.“


SOS - Save Olli Schulz

SOS - Save Olli Schulz

In der Mohrenpost antwortet Olli Schulz.
Er ist MusikerEntertainerModerator und seit sieben Jahren in der großen Stadt. Sein Motto: Heimat ist da, wo man sich aufhängt.

„Man muss dieser Stadt ein bisschen Zeit geben. Sich an ihren eigenwilligen Rhythmus gewöhnen. Ich habe zwei Jahre gebraucht, bis ich mich mit Berlin geduzt habe. Unbedingt durchhalten!
Es lohnt sich. Denn mit Berlin läuft es anders, als in vielen Beziehungen: Je mehr man erfährt, desto besser wird es. Nur Lichterfelde-Ost – das ist jetzt wirklich kein Muss…”

 


Fotos: Jens-Hendrik Kuiper
Dieser Blogeintrag ist auch als Kolumne in der Welt Kompakt erschienen.

4 Gedanken zu “Servus Berlin, wie kannst du meine Heimat werden?

  1. Vergiss die Stadt, duze die Menschen. Lauf mit ihnen über das Kopfsteinplaster und verschenke Deine Gummistiefel. Erde Deine Gefühle und nimm dort Platz, wo Du willkommen bist. Und probiere auf dem Fahrradgepäckträger mal eine andere Zeitung aus.

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