Warum BWLer einfach
gar nicht gehen

Auf Demo.   (Foto: Anja Bleyl)

Ansage (Foto: Anja Bleyl)

Der typische BWLer ist leicht zu erkennen. Er trägt Namen ohne Eleganz, die schon rein phonetisch auf Polos in Pastell, akkurat enthaarte Oberkörper und eine gewisse Stillosigkeit schließen lassen. Gerne genommen: Roman, Frank und Patrick. Oder eben: Jochen.

Normalerweise würde ich nichts mit einem Mann anfangen, der vor dem Küssen Kaugummi kaut, Sitzwürfel für die größte Designerrungenschaft seit Bauhaus hält und über sich selbst sagt, er sei „eigentlich ein ganz Lieber“. Wie gesagt: Normalerweise würde ich das nicht tun. Aber es ist mein erster Abend in der fremden Stadt. Im Wohnzimmer stapeln sich Kisten, im Kühlschrank ist nur Marmelade und Licht und im Bad lauert eine sitzwürfelgroße Spinne mit glühenden Augen.

Ich bin voll der untypische BWLer!

Jetzt sitze ich allein mit einer Flasche Dornfelder in der Kneipe gegenüber. Und falle voll auf den perfiden Plan des BWLers rein. Ja, die haben einen Plan. Einen einzigen. Und der besteht darin, so zu tun, als wären sie gar keine richtigen BWLer. Der typische BWLer wird immer als erstes erzählen, dass er voll der untypische BWLer ist: “Wirklich, ich bin nicht so ein klassischer Betriebswirtschaftler!” Dann wird er etwas über die grenzenlosen Möglichkeiten des Studiums erzählen, mit denen man später quasi alles machen kann. Sagt auch Jochen. Er sitzt neben mir an der Bar.

Lässig trommelt er mit seinen Fingern auf dem Tresen – komplett gegen den Takt. Inzwischen weiß ich: Der BWLer ist nicht besonders musikalisch. Als Kind musste er rudern und Bogen schießen oder war bei den Pfadfindern. Heute macht er nix oder Zirkeltraining. Der Barkeeper verdreht die Augen und ich bilde mir ein, sein Totenkopf-Tattoo am Oberarm hätte mir kurz zugezwinkert. Meine bunten Ohrring-Papageien zwinkern verzückt zurück. Jochen merkt das nicht. Er hat eine verrückte Idee:

Vielleicht könnte man irgendwann eine eigene Kneipe aufmachen!! So eine total coole. Mit Sitzwürfeln. Jochen strahlt. Wahrscheinlich kriegen in so einer Bar CDU-Mitglieder immer einen Schnaps gratis, nachdem sie ihren Longdrink mit einem pastellfarbenen Strohhalm ausgeschlürft haben. Strohhalme mögen BWLer übrigens sehr. Genauso wie Taschentücher mit Eukalyptus, Kaugummis und kleine Regenschirme. Die Kaugummis nehmen sie immer, wenn sie sich mit einem Mädchen unterhalten, damit es bloß nicht merkt, dass er nach Langweile, Überheblichkeit und Paella von Frosta riecht. Der Regenschirm wegen der Polos und der attraktiven Gelfrisur, klar.

Bei einer Frau achte ich nur auf die Ausstrahlung!

Es ist Samstagabend und ich kann nicht nach Hause. Ich habe beschlossen, die Monsterspinne auszutricksen, indem ich so lange Fenster und Türen nicht mehr öffne, bis ihr der Sauerstoff ausgeht. Also gehe ich mit zu Jochen.

Im Fernsehen läuft die Ruder-Weltmeisterschaft. Jochen freut sich. Ich freue mich auch, weil er abgelenkt ist und zupfe unschlüssig an meinen Beinhaaren. Vielleicht sollte ich im Bad unauffällig nach einem Rasierer suchen? Der BWLer ist ja auch immer so sorgfältig rasiert. Damit sich bloß nicht der Verdacht von Männlichkeit aufdrängt, nehme ich an. Während ich noch zupfe, wird die Ruder-WM durch Werbung unterbrochen und Jochen will küssen. Schwierig: Jochen schnappt. Und wenn er mich erwischt hat, rührt er. Wie eine Waschmaschine im Schleudergang, die nur dieses eine Programm kennt. Unwillig wische ich mir BWLer-Spucke von den Wangen. Und von der Nase. Und der Stirn. Ich frage Jochen, ob ich mir wohl kurz seinen grauen Herrenschirm ausleihen könnte und finde mich ziemlich witzig.

Jochen mich leider nicht. Aber das war ja klar. Von Humor ist der BWLer halt schnell überfordert. Das lustigste, was er jemals gelesen hat, ist die StudiVZ-Gruppe “Team Glatze – ein schönes Gesicht braucht Platz”. Das Streiflicht hält er für eine Sonderfunktion im neuen BMW.

Lori und Abraxas. (Foto: Anja Bleyl)

Lori und Abraxas. (Foto: Anja Bleyl)

Trotzdem startet Jochen einen letzten amourösen Versuch und beißt leidenschaftlich in mein linkes Ohrläppchen. Der Papagei krächzt verzweifelt, Jochen hustet, die kleinen Holzflügelchen knirschen zwischen seinen Zähnen. Ich fliehe. Beim Sprung aus dem Bett stolpere ich über einen verfickten Sitzwürfel und krache kopfüber gegen die marode Rigipswand. Mein Kopf fühlt sich an wie ein zerkochter Blumenkohl, etwas benommen sitze ich auf Jochens Fußboden.

Sofort beugt er sich vor und fängt an zu pusten. Nein, nicht auf die Beule auf meiner Stirn. Er bepustet die bröckelnde Raufasertapete! Während er über Spachtelgranulat und  Rollputzstrukturen schwadroniert, krieche ich bedröppelt ins Bad. Als ich gerade denke, jetzt kann es nicht mehr schlimmer kommen, verwechsle ich eine Tube Enthaarungscreme mit Kühlsalbe.

„Jemanden wie Dich habe ich noch nie kennengelernt”, sagt Jochen, bevor ich seine Wohnung verlasse. So, wie er mich dabei ansieht, meint er es eher nicht als Kompliment. Schniefend stehe ich vor der Haustür. In meiner Handtasche finde ich zwar keine Taschentücher, dafür aber einen Edding. In meiner schönsten Schrift schreibe ich auf die Tür: „Make Love. Not BWL“. Dann fahre ich zurück in die Kneipe. Hoffentlich hat der Barkeeper nicht studiert.

Fotos: Anja Bleyl

4 Gedanken zu “Warum BWLer einfach
gar nicht gehen

  1. Das liest sich wie Carrie Bradshaw nach Entfernung ihrer Grosshirnrinde. Nur nicht ganz so gut.

    Ich mag Ekkehard. Wie schade, dass er nur schlecht erfunden ist.

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