Warum BWLer einfach
gar nicht gehen

Auf Demo.   (Foto: Anja Bleyl)

Auf Demo. (Foto: Anja Bleyl)

Der typische BWLer ist leicht zu erkennen. Er trägt freudlose Namen, die beliebig oder peinlich sind, die sich nicht verniedlichen lassen und die schon rein phonetisch auf Polos in Pastell, akkurat enthaarte Oberkörper und eine dominante Mutter schließen lassen. Gerne genommen: Daniel, Jochen und Frank. Oder eben: Ekkehard.

Normalerweise würde ich nichts mit einem Mann anfangen, der vor dem Küssen Kaugummi kaut, Sitzwürfel für das größte Architekturwunder seit dem Petersdom hält und der über sich selbst sagt, er sei „eigentlich ein ganz Lieber“.

Wie gesagt: Normalerweise würde ich das nicht tun. Aber es ist mein erster Abend in der fremden Stadt. Im Wohnzimmer stapeln sich so viele Kisten, dass ich mir schon einbilde, die Titelmelodie von Tetris zu hören. Und im Bad lauert eine sitzwürfelgroße Spinne mit glühenden Augen.

Ich bin voll der untypische BWLer!

Jetzt sitze ich allein mit einer Flasche Dornfelder in der Kneipe gegenüber. Und falle voll auf den perfiden Plan des BWLers rein. Ja, die haben einen Plan. Einen einzigen. Und der besteht darin, so zu tun, als wären sie gar keine richtigen BWLer. Der typische BWLer wird immer als erstes erzählen, dass er voll der untypische BWLer ist. Aber die grenzenlosen Möglichkeiten dieses Studiums… Damit kann man ja später quasi ALLES machen. Sagt auch Ekkehard. Er sitzt neben mir an der Bar.

DeannaWardin @ Tattoo Boogaloo  www.flickr.com/photos/graphicward/

Deanna Wardin @ Tattoo Boogaloo

Lässig trommelt Ekke mit seinen Fingern auf dem Thresen – komplett gegen den Takt. Inzwischen weiß ich: Der BWLer an sich ist nicht besonders musikalisch. Als Kind musste er rudern und Bogen schießen oder war bei den Pfadfindern. Heute geht er „pumpen“. Fürs Körpergefühl und so. Der Barkeeper verdreht die Augen und zwinkert mit seinem Totenkopf-Tattoo am Oberarm. Meine bunten Ohrring-Papageien zwinkern verzückt zurück. Ekkehard merkt das nicht. Er hat eine verrückte Idee:

Vielleicht könnte man irgendwann eine eigene Kneipe aufmachen!! So eine total coole. Mit Sitzwürfeln. Ekkehard strahlt. Wahrscheinlich kriegen in so einer Bar CDU-Mitglieder immer einen Schnaps gratis. Und einen extra Strohhalm – auch für den Obstler. Das mögen die nämlich, die BWLer. Dieses ganze unmännliche Gedöns: Strohhalme. Taschentücher. Kaugummis. Regenschirme. Vor allem Regenschirme! Die brauchen sie, damit die hübsche Gelfrisur nicht kaputt geht. Kapuzenpullis passen halt so schlecht zum Polohemd in Zartrosé. Aber ich schweife ab.

Bei einer Frau achte ich nur auf die Ausstrahlung!

Es ist Samstagabend und ich kann nicht nach Hause. Ich habe beschlossen, das Spinnenmonster zu besiegen, indem ich so lange Fenster und Türen nicht mehr öffne, bis ihr der Sauerstoff ausgeht. Also komme ich mit zu Ekkehard.

Im Fernsehen läuft die Ruder-Weltmeisterschaft. Ekkehard freut sich. Ich freue mich auch, weil er abgelenkt ist und zupfe unschlüssig an meinen Beinhaaren. Vielleicht sollte ich im Bad unauffällig nach einem Rasierer suchen? Andererseits: Der BWLer an sich achtet bei einer Frau gar nicht so aufs Äußere. Für ihn zählt nämlich nur die Ausstrahlung.
Die Ausstrahlung! Es ist so reizend. Wie die wohl sein sollte? Silbergrau, vermute ich. Denn Silbergrau ist beim BWLer fast alles. Feuerzeug, Eckcouch, Laptop, BMW.  Nur die Unterwäsche seiner Freundin, die hätte er dann gerne weiß. Klar. Kennt er ja nicht anders von Mama.

Der Bettbezug ist jedenfalls anthrazitfarben und aus Satin. Wir versuchen es mit Küssen. Schwierig: Ekkehard schnappt. Und wenn er mich erwischt hat, rührt er. Eine unselige Kombination aus Karpfenkuss und Schleudergang. Unwillig wische ich mir BWLer-Spucke von den Wangen. Und von der Nase. Und der Stirn. Freundlich frage ich Ekkehard, ob ich mir wohl kurz seinen schicken Herrenschirm ausleihen könnte?

Gibt es das Streiflicht denn auch serienmäßig?

Leider zeigt sich Ekkeard wenig empfänglich für diesen dezenten Anwendungshinweis. Von Humor ist der BWLer an sich nämlich schnell überfordert. Ironie kennt er nur aus Erzählungen und das Streiflicht hält er für eine Sonderfunktion im neuen BMW.

Lori und Abraxas. (Foto: Anja Bleyl)

Lori und Abraxas. (Foto: Anja Bleyl)

Trotzdem startet Ekkehard einen letzten amourösen Versuch und beißt leidenschaftlich in mein linkes Ohrläppchen. Der Papagei krächzt verzweifelt, Ekkehard röchelt, die kleinen Holzflügelchen knirschen zwischen seinen Zähnen. Ich beschließe zu fliehen und springe schwungvoll aus dem Bett. Stolpere über den Regenschirm.

Und falle mit Getöse gegen die marode Rigipswand, in welcher mein Kopf eine beachtliche Delle hinterlässt. Besorgt fängt Ekkehard an zu pusten. Nein, nicht über die Beule auf meiner Stirn. Er bepustet die bröckelnde Rauhfasertapete! Während er über Spachtelgranulat und dekorative Rollputzstrukturen schwadroniert, krieche ich bedröppelt ins Bad. Und als ich denke, jetzt kann es nicht mehr schlimmer kommen, verwechsle ich eine Tube Enthaarungscreme mit Kühlsalbe.

„Jemanden wie Dich habe ich noch nie kennengelernt”, sagt Ekkehard noch, bevor er mich rausschmeißt. Und so wie er mich dabei ansieht, meint er es eher nicht als Kompliment. Schniefend stehe ich vor der Haustür, mattsilbernes Aluminium, natürlich. In meiner Handtasche finde ich zwar keine Taschentücher, dafür aber einen Edding, extrem wasserfest. Ich kann nicht widerstehen. Sorgfältig male ich einen riesigen Totenkopf auf die Tür, pappe ihm Kaugummis in die Augenhöhlen und schreibe in meiner schönsten Schrift: „Make Love. Not BWL“.
Dann fahre ich zurück in die Kneipe. Hoffentlich hat der Barkeeper nicht studiert.

Fotos: Anja Bleyl, Deanna Wardin

3 Gedanken zu “Warum BWLer einfach
gar nicht gehen

  1. Das liest sich wie Carrie Bradshaw nach Entfernung ihrer Grosshirnrinde. Nur nicht ganz so gut.

    Ich mag Ekkehard. Wie schade, dass er nur schlecht erfunden ist.

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