Warum das erste eigene Auto wie die erste große Liebe ist

Endstation. (Foto: Bleyl)

Endstation. (Foto: Anja Bleyl)

Die Bremse klappert, als würde man einen Sack mit rostigen Schrotteilen schütteln. Den löchrigen Auspuff habe ich mit Kabelbindern und Paketband festgebunden, die Scheiben sind mit Eisblumen übersät. Von Innen.

Irgendwann ist es vorbei. Ich habe lange gekämpft. Fahrzeugscheine gefälscht und mit Kfz-Mechanikern geflirtet. Ich habe mit Bremskolbenrückdrehern und Wagenhebern hantiert. Ich habe gelernt, Dinge zu reparieren, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt.

DN-CV-406. Der kleine weiße Peugeot 106, Baujahr 1991 hat mich zu meiner Abiprüfung gefahren. Strahlend weiß und vollgetankt. Wir waren wie eine Weltmacht. Luc und ich. In wenigen Wochen haben wir sämtliche Pöller auf dem Lehrerparkplatz umgefahren. Und anschließend alles auf den Philosophiereferendar geschoben. Nach einem Glas Rotwein habe ich uns in eine Baumlücke manövriert, aus der ich nüchtern nicht mehr raus gekommen bin. Der Mann vom ADAC hatte zum Glück Humor.

Anfangs läuft es wie von selbst. Kein Fehler kann dich erschüttern. Im Handschuhfach liegen Straßenkarten aus dem ganzen Land. Und dann fährst du doch einfach da entlang, wo es schön aussieht.

GI-ZR-547. Vollbepackt sind Luc und ich in meine erste Studenten-WG gezuckelt. Auf der Autobahnraststätte fiel mir auf, dass der Teppich zu weit aus dem Kofferraum ragt. Beherzt habe ich am Teppichende ein rotes Bikinihöschen festgebunden. Die Autobahnpolizei musste so lachen, dass sie mir das Bußgeld erspart haben. Später lagen die Ordner über mittelalte Geschichte auf der Rückbank. Am Verbandskasten pappt noch immer ein Spickzettel über Friedrich den Großen. Im ewigen Stau auf der A4 Richtung Rheinland habe ich angefangen zu rauchen. Bis eines Tages ein glimmender Zigarettenstummel auf Friedrich landete. Am Autobahnkreuz Olpe-Süd musste ich eine Vollbremsung machen und brennende Leitz-Ordner vom Rücksitz schaufeln. Die Magisterprüfung habe ich trotzdem bestanden.

Zeit verbindet. Erinnerungen sind mächtig. Ein kleines Auto hat für mich Heimat bedeutet. Es kennt meine Tränen auf dem Lenkrad, meine schlimmsten Flüche, mein lautestes Lachen, meine peinlichsten Lieblingssongs. Es war immer da.

M-XS-9023. Zusammen sind wir zu den ersten Vorstellungsgesprächen gefahren. Zu den ersten Hochzeiten. Zum ersten Job. Meine Rundmails waren berüchtigt: „Liebe Kollegen. Wer weiß, wie man einen Kurzschluss im Erregerkreis repariert? Und wer könnte mich am Isartorplatz abschleppen kommen? JEZTZ?!?“

Luc ist nichts für zarte Gemüter. Er ist übersät mit Brandlöchern und riecht nach Hamsterpipi. Mein einziges Haustier durfte auf dem flauschigen Lammfell sitzen, als Luc und ich ihn ein letztes Mal zum Tierarzt gefahren haben. Ich liebe mein Auto. Ich kenne seine kleinen und großen Macken, sein schwerfälliges Tempo bei Steigungen und alle seine toten Winkel. Ich weiß auf den Meter genau, wie weit ich noch fahren kann, wenn die Tanknadel schon lange im roten Bereich hängt. Vielleicht ist er nicht perfekt. Aber ich fahre ihn blind.

B. Luc hat es bis Berlin geschafft. Vor meiner ersten eigenen Wohnung gestanden. Ganz vorsichtig sind wir durch die Stadt getuckert. Jede Kurve konnte die letzte sein, das war mir klar. Doch als der Auspuff abfiel, hat es mir das Herz zerrissen. Ich wusste: Es ist vorbei.

Die letzte Fahrt

Mit dem TÜV ist es wie mit Menschen. Du reparierst die Schwachstellen, investierst Kraft und Zeit. Verzeihst alle Fehler, akzeptierst seine Macken. Manchmal wider alle Vernunft, gegen jeden Rat. Weil du daran glaubst, dass es noch ein paar Kilometer weiter gehen könnte. Aber irgendwann biegst Du nicht mehr da ab, wo es schön aussieht. Fährst stur geradeaus, wagst keine Umwege. Der Tank ist immer auf Reserve. Weil Du nicht weißt, was als nächstes kaputt gehen wird. Du weißt nicht, wann es passiert und was es sein wird. Du verlierst den Glauben. Und hast Angst bei jedem einzelnen Meter.

Luc bekommt dieses Jahr keinen TÜV. Er sieht verloren aus, wie er da auf dem Schrottplatz steht. Noch immer: schmerzhaft vertraut. Ich werde nicht vergessen, wie es sich anfühlte. Luc und Carline. Eine Weltmacht.

11 Gedanken zu “Warum das erste eigene Auto wie die erste große Liebe ist

  1. Ich hatte Luc auch lieb. Wenn er zu Besuch kam, habe ich ihn von Hamsterfutter in den Lammfellzügen befreit, die Restmülldeponien unter den Sitzen entsorgt und die noch nicht bezahlten Knöllchen aus den Ritzen gezogen. Stattdessen verwöhnte ich ihn mit gewaschenen Wolldecken und einer Tour in die Waschanlage, mit Kühlerwasser und Benzin. Danach bekam er meinen Garagenplatz und funkelte vor sich hin. Wie ein frisch gebadetes Kind. Manchmal können Autos wie Menschen sein.

  2. Ich kannte ihn auch noch, und es tut mir ehrlich leid.

    Ich glaube wir haben drin Pink Floyd und Best of 80s gehört, als du mir geholfen hast, meinen Schreibtisch zu transportieren.

    Ruhe in Frieden. Mein Lieblingstext hier.

  3. ich hoffe mein freeed hält noch ein bisschen durch und hat sein ende noch weit weit entfernt…. ich kenn mein autochen (bj 1992) auch in- und auswendig :)

  4. WOW es gibt Menschen die so sind wie ich? Ich kann das soogut verstehen. Alle 15000km Pumpe ich fleissig Kohle für Inspektionen und “Ja-nur-Verschleissteil-Reparaturen” in meinen 14 Jahre Alten Kombi und verteidige mich in alle Richtungen, 50000km im Jahr mit einem V6-Benziner runterzuspulen. Na und? es ist das beste Auto der Welt und sollte irgendwann nicht mehr sein werde ich heulen wie ein kleines Mädchen

  5. wirklich purer Zufall, dass ich mich hierher verirrt habe, aber dennoch so vertraut :D
    Ich habe mein Herz auch verloren, Dr.Turbo heisst der Gute. Ein Erbstück und eine große Erinnerung an meine Mama und wird dieses Jahr 16 Jahre alt. Und ja, Geburtstag wird gefeiert – meistens mit einem Besuch in der textilen Autowaschstrasse. ;)

    Der Teil mit “Es kennt meine Tränen auf dem Lenkrad, meine schlimmsten Flüche, mein lautestes Lachen, meine peinlichsten Lieblingssongs. Es war immer da.” ließ mich schmunzeln und seufzen – auch bei mir trifft das zu. Und ohne dass ich irgendwelche objektophilie-Gedanken habe, so liebe ich dieses DING und teile Erinnerungen und Erfahrungen und gute sowie schlechte Zeiten (Spontanität und Unabhängigkeit und abgeschleppt werden… mit einem Seil) und habe auch viel gelernt…. über mich selbst, über meine Grenzen (Wut, Frust und Gefahrensituationen im Verkehr) und auch über diverse Autoteile und Reparaturen unermessliches Wissen mittlerweile :D

  6. Pingback: Der Traum fährt mit | Mohrenpost

  7. Ich bin auf diesen herzallerliebsten Text gestoßen, weil ich nach Menschen googelte, die mich verstehen. Mein Honda HRV ist schon 17 Jahre alt.
    Nun muss er weg, er schafft es nicht mehr. Fassade bröckelt und der Unterbau ist restlos verloren, bzw. geflickschustert.
    Wir sind durch dick und dünn gefahren, der Kleine und ich. Und nun müssen wir uns trennen. Ich fühle mich, als würde ich meinen besten Freund verraten, wenn wir zwei zu Autohändlern fahren. Ich frag ja dann immer, ob man ihn in Zahlung nimmt, ich bin überzeugt, dass er es “hört”. Jetzt gibt er sich immer Mühe, fährt schön leise und hält plötzlich wieder die Spur, trotz defekter Stabilisatoren und Radlager. Was soll man da machen, das ist verrückt?!
    Ich habe jetzt schon einiges Anderes angeschaut. Mir gefällt einfach nichts!
    Alle angebotenen Autos erscheinen gesichtslos und gegenständlich.
    Aber, ich muss ja irgendeinem eine Chance geben…

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