Sollte man von Anfang an die Wahrheit sagen?

Ich bin neurotisch, altklug und höre beim Sex gerne Reinhard Mey 

(Foto: Anja Bleyl)

(Foto: Anja Bleyl)

Wenn ich immer von Anfang an die Wahrheit gesagt hätte, wäre ich vermutlich noch Jungfrau. Meine Schrullen sind nämlich zahlreich. Ich werde hysterisch, wenn ich keinen Lippenbalsam in der Nähe habe. Ich habe Angst vor Ingwerknollen. Ich erzähle mir selbst Einschlafgeschichten und hasse es, wenn jemand meine Achillessehne berührt.

Und das sind nur die Dinge, die mir spontan einfallen.
Manchmal bin ich sonderbar. Aber für mich geht das in Ordnung. Ich finde mich ganz gut so, wie ich bin. Die Frage ist: Kann ich das auch von einem sonnigen Geologen Ende 20 erwarten, mit dem ich zum dritten Mal was trinken gehe?

Als ich Chris genau das frage, pustet er sein Gesicht zu luftigen Backenknödeln auf. „Weißt du was, Dornröschen“, seufzt er. „Warte du auf deinen Prinzen. Ich lass dir die Nummer vom Taxifunk da. Falls er nicht kommt.“

Dornröschen schläft mit Taxifahrern

Dieser Abend ist ein paar Jahre her. Vielleicht hatte ich zu ausschweifend darüber philosophiert, dass Ingwerknollen für mich aussehen wie die abgetrennten Fingergelenke von mutierten Wurzel-Monstern.

Vielleicht hätte ich Chris nicht gleich anschreien sollen, als ihm versehentlich meine Bepanthen vom Tisch gefallen ist. Vielleicht war ich ein bisschen zu sehr ich selbst.

(Foto: Anja Bleyl)

(Foto: Anja Bleyl)

Durch jahrelange Dating-Erfahrung habe ich gelernt: Authentisch sein ist gut, Inszenierung ist besser. Männer mögen ein bisschen Show.
Das ist traurig, aber wahr. Oder hattet ihr mal einen Typen, der begeistert war, als ihr in der ersten Nacht das Baumwollhöschen mit den tanzenden Tomaten auf dem faltenschlagenden Poteil getragen habt? „Hey, toll, dass Du dich nicht für mich verkleidest. Schwarze Spitze wird völlig überbewertet.“ Ganz ehrlich: Bis dieser Typ kommt, hat Dornröschen aus purer Langweile mit der halben Taxizentrale geschlafen.

Bei den ersten Dates entscheidet sich, wer wen jagt und wer wen immer jagen wird. Ich gebe gerne ein paar Tage lang vor, ich sei unkompliziert und verführerisch. Lieber werde ich erst mal für das gemocht, was ich nicht bin, als überhaupt nicht. Die Unterwäsche mit den fröhlichen Früchten lernt er früh genug kennen.

Der Prinz ist altklug und hört Reinhard Mey

Mit Psychologiestudent Matze gehe ich auf den Weihnachtsmarkt. Ich kaufe keinen einzigen Honiglabello und lasse mich auf Ingwertee mit Schuss einladen. Als Matze nach meiner Hand greift, weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe.

Doch als ich zart über seinen Daumen streiche zuckt er zusammen. „Entschuldige“, sagt er. „Ich hasse es, wenn jemand meine Fingerknöchel berührt“. Dann erzählt er mir, dass er neurotisch ist und altklug und keine Lust auf Spielchen hat. Und dass er beim Sex gerne Reinhard Mey hört.

Langsam lasse ich seine Hand wieder los und puste Backenknödel mit Ingwergeschmack. Hab ich eigentlich noch die Nummer von der Taxizentrale?

Rio ReiserAlles Lüge

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>